Samtpfote kehrt zurück
Die Rückkehr der Wildkatze in Bayerns Wälder

 

Das verborgene Leben der Wildkatze
Abenteuer Freiheit
Ein Katzenhaus im Spessart
Botschafterin der Wildnis
BN-Artenhilfsprogramm


Samtpfote kehrt zurück -
Die Rückkehr der Wildkatze in Bayerns Wälder

Katzen sind unsere Lieblinge. Je verschmuster sie unsere Nähe suchen, umso dankbarer verwöhnen wir sie mit Streicheln und Kraulen, Whiskas und Sheba. Manchmal steigen Katzen in der Menschenwelt sogar zu Stars auf; in "Cats and Dogs" lockten sie dieses Jahr - ganz computeranimiert - Millionen in die Kinos. Die Stars unserer Titelgeschichte sind dagegen aus Fleisch und Blut. Wildkatzen sind alles andere als Schmusetiere. Lautlos, die Dämmerung liebend, immer auf der Jagd und auf der Hut, bekommt sie kaum ein Mensch je zu Gesicht. Unnahbar und unbezähmbar sind sie, ein echtes Stück Wildnis eben. Gerade deshalb sind Wildkatzen Lieblinge des Bundes Naturschutz. Mit aufwändigen Projekten helfen Artenschützer den Samtpfoten, ihre alte Heimat in Bayerns Wäldern zurückzuerobern. (göß)

Heimlich, still und leise
Das verborgene Leben der Wildkatze

Ein milder Sommerabend in einem deutschen Mittelgebirge, im hohen Gras auf der kleinen Lichtung bewegt sich etwas: Die Ohren gespitzt und die Schnurrhaare wie Radarantennen vorgestreckt, pirscht sehr vorsichtig eine Wildkatze heran. Ihre scharfen Sinne sind auf die Maus vor ihr gerichtet, die noch völlig ahnungslos im trockenen Gras nach Samen sucht. Unvermittelt erstarrt die graue Erscheinung, ein hoher Bogensprung, ein kurzes Nachfassen, und mit einigen schnellen Sprüngen ist sie im Gestrüpp verschwunden. Schon ist der Moment wie ein Spuk vorbei. "So eine Gelegenheit bietet sich nur sehr selten", erklärt Frank Raimer, Wildkatzenexperte im Nationalpark Harz. "Meist bemerkt die Wildkatze den Menschen und versucht ihr Jagdglück woanders.’ Förster Raimer weiß, wo die scheuen Tiere jagen, und hat sie schon oft beobachtet. Für viele Jäger und Förster ist die erste Begegnung mit einer Wildkatze etwas ganz besonderes, denn selbst in Revieren, in denen sie schon seit einiger Zeit wieder vorkommt, lebt sie fast unbemerkt. Doch die Freude über eine Wildkatze im Jagdrevier war nicht immer so groß.

Verfehmt, verfolgt und ausgerottet
Obwohl die kleine Jägerin hauptsächlich unter den Mäusen Beute macht und alles, was größer als ein Kaninchen ist, nicht auf ihrem Speisezettel steht, wurde sie lange erbarmungslos verfolgt und nahezu ausgerottet. Nur in gut versteckten und für Menschen uninteressanten Gebieten, wie in den Hochlagen von Mittelgebirgen und in engen, steilen Tälern, konnte sie überdauern. Fossile Knochen zeigen, dass die Wildkatze schon vor 35.000 Jahren in Mitteleuropa lebte. Lange Zeit herrschte ein mehr oder minder friedliches Nebeneinander von Mensch und Wildkatze. Im frühen Mittelalter begannen dann die gro§en Waldrodungen für Ackerbau und Siedlungen. Die Wildkatze wich den Menschen aus und zog sich immer weiter in unzugängliche Waldgebiete zurück. Zu dieser Zeit genossen Berufsjäger, die das Vieh von Bauern und Hirten vor Bär, Wolf und Luchs beschützten, hohes Ansehen. Eines Tages hatten die Jäger diese großen Beutegreifer ausgerottet und damit die Grundlage ihres Berufes verloren. Nun nahmen sie die kleinen Raubsäuger aufs Korn. Abschussprämien für Dachs, Marder, Fuchs und Wildkatze sowie wilde, übertriebene Geschichten davon, wie gefährlich diese Tiere seien, schürten die Verfolgungen und dienten als Rechtfertigung für die gnadenlose Jagd. So sollten Wildkatzen, die nicht viel größer werden als unsere Hauskatzen, Rehe und Hirschkälber erlegt und auch Menschen angegriffen haben. Keines dieser Gruselmärchen konnte jemals tatsächlich beobachtet werden. Der entstandene enorme Jagddruck drängte die Wildkatze jedoch an den Rand ihrer Ausrottung. 1933 wurde die Wildkatze ins Preußische Jagdrecht aufgenommen; seitdem steht sie dauerhaft unter Schutz, und jedwede Jagd ist verboten. Die Situation für die Mäusejägerin besserte sich aber erst 1935, als das Jagen mit Tellereisen verboten wurde. Doch trotz des umfassenden Schutzes wird auch heute noch, teils aus Unwissenheit, teils aus tief verwurzeltem Hass auf die unzähmbare Kreatur, hier und da eine Wildkatze geschossen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine waffenlose Zeit der Entmilitarisierung, in der die Wildkatze in ihren Rückzugsgebieten sicher vor Abschüssen war. In einigen dieser Areale, wie dem Harz oder der Eifel, hatten kleine, sogar wachsende Populationen überdauert. Von dort aus konnte die Wildkatze wieder Boden gut machen und sich aus den versteckten, für Menschen unzugänglichen Rückzugsgebieten heraus langsam wieder ausbreiten. Doch überall lebt bereits der Mensch, der mit seinen Siedlungen, Äckern, Straßen und Bahntrassen die Landschaft umgestaltet hat. Jetzt muss sich die Wildkatze Plätze suchen, die der Mensch noch nicht völlig verändert hat.

Wo die wilde Katze wohnt
Lebten in Deutschland keine Menschen, wäre nahezu das ganze Land, von den Ausläufern der Alpen bis an die Nord- und Ostseeküste, Wildkatzengebiet. Am liebsten leben Wildkatzen in reich strukturierten Landschaften, in denen sich aufgelockerter Wald mit kleinen Blößen und Auen mit mäandernden Bachläufen abwechseln. Bäume mit Höhlen im Fuß oder in geringer Höhe bieten ideale Verstecke, um die Jungen darin zu gebären und großzuziehen. In dichtem Gestrüpp aus Brom- und Himbeeren können sie sich tagsüber zum Schläfchen niederlegen, und grasbewachsene Lichtungen sind ein prima Ort zum Mäuseln. Dann noch ein windgeschützter, trockener Flecken zum Sonnen, und das Idyll wäre perfekt. Perfekt nicht nur für die Wildkatze, sondern zugleich für viele andere anspruchsvolle Tierarten. Aus dieser Tatsache entstand die Idee der Leitart im Artenschutz: Für eine Tier- oder Pflanzenart, die sehr hohe Ansprüche an die Qualität ihres Lebensraumes stellt, entwickeln Fachleute ein Schutzkonzept. Aus dessen Umsetzung können viele andere Arten Nutzen ziehen. Eine solche Leitart ist die Wildkatze. Zusätzlich zu ihrem hohen Anspruch an die Lebensraumqualität braucht die Wildkatze große, unzerschnittene Flächen. Die Tiere leben als Einzelgänger in klar abgegrenzten Revieren, in denen sie meist keinen Artgenossen dulden. Je nachdem, wie nahe der tatsächliche Lebensraum dem gedachten Ideal kommt, lebt eine weibliche Wildkatze - in der Fachsprache Kätzin genannt - in einem zwischen 50 und 300 Hektar großen Revier. Die Wildkatzendamen bleiben meist gern alleine und verteidigen ihr Revier gegen fremde Kätzinnen. Die Wildkater, auch Kuder genannt, beanspruchen sogar noch größere Flächen für sich: 500 bis 1000 Hektar sind nicht ungewöhnlich. In Italien ermittelten Forscher sogar Reviere bis 4000 Hektar Größe. Die Wildkater sind so polygam und unstetig, wie es den Hauskatern nachgesagt wird: Ihre Reviere überlappen sich mit denen der Kätzinnen, und sie verweigern anderen Kudern den Zutritt in ihr Reich. Damit sich Kuder und Kätzin zur Paarungszeit überhaupt finden, ist schon viel Lauferei und Geschrei im Wald nötig.

Im Wald ist was los
Das ganze Jahr über lebt eine Wildkatze alleine und jagt - durch ihr Fell gut getarnt - in der Dämmerung an Waldrändern und auf Lichtungen nach Mäusen und anderen Nagern dieser Größe. Nur zur Paarungszeit, der Ranz, im Februar oder März, trifft sie sich mit Artgenossen. Zu dieser Zeit kann, wer Glück hat, die Wildkater mit deutlich heiserer und tiefer Stimme laut schallend rufen hören. "Selbst ein Laie", so Frank Raimer, "hört, dass da kein Hauskater schreit. Im Mai, manchmal Anfang Juni, werfen die Wildkatzen drei bis vier Junge, die von der Mutter alleine aufgezogen werden. Trockene und warme Baumhöhlen sind besonders als Wochenstuben geeignet - nur sind diese im deutschen Wirtschaftswald rar geworden. Die Jungenaufzucht ist für die Wildkatzenmutter sehr anstrengend: Nacht für Nacht muss sie um die sechzehn Mäuse fangen, um den Hunger ihres Nachwuchses zu stillen. Im Spätherbst trennen sich die Wege der Familie. Die jungen Wildkatzen müssen ihren ersten Winter auf sich gestellt überstehen. Viele Jungtiere überleben diese harte Zeit nicht. Sie verhungern oder werden auf der Stra§e von Autos überfahren; denn während der Suche nach einem eigenen Revier legen sie große Strecken zurück. Manchmal kommen sie dabei auch einem Jäger vor die Flinte, der sie auf den ersten Blick für eine streunende Hauskatze hält - mit tödlicher Folge für die Wildkatze.

Wildkatze oder Hauskatze?
Wer Wildkatzen schützen will, stößt dabei auf ein Problem, denn die verwaschen graugestromten oder getigerten Wildkatzen sind etwa so groß wie Hauskatzen und sehr schwer von ihren zahmen Verwandten zu unterscheiden. Wildkatzen sind aber keine verwilderten Hauskatzen, sondern eine eigene Kleinkatzenart. Das deutlichste äußerliche Merkmal der echten Wildkatze ist der buschige Schwanz mit drei klar erkennbaren Ringen und einem stumpfen, schwarzen Ende. Dieses Erkennungszeichen bekommen die scheuen Mäusefänger allerdings erst, wenn sie erwachsen sind. Halbwüchsige, die im Herbst, auf der Suche nach einem eigenen Revier, alleine auf Wanderschaft gehen, tragen noch die kurze, eng anliegende Jugendkleid-Behaarung. Da ist es selbst für erfahrene Wildkatzenbeobachter im Dämmerlicht schwierig, sie von einem streunenden Stubentiger zu unterscheiden. Erschwerend kommt hinzu, dass schon Wildkatzen - wenn auch nur einige wenige Tiere - mit gänzlich schwarzem Pelz oder in getigert oder weiß gefunden wurden.

Echt laut Gentest
Die Wiederansiedlung von Wildkatzen ist in Fachkreisen unter Beschuss geraten. Seit bewiesen ist, dass Wildkatzen mit Hauskatzen Nachwuchs bekommen können, ist ein Streit entbrannt um die Frage: Sind die frei lebenden Wildkatzen Europas reine Wildkatzen, oder haben sie sich über die Jahrhunderte mit Hauskatzen gemischt? Ein Team aus Italien um Ettore Randi von der Universität Bologna will die Streitfrage beantworten. Die Wissenschaftler vergleichen das Erbgut der europäischen Wildkatze mit dem ihrer afrikanischen Verwandten und dem italienischer Hauskatzen. Die ersten Ergebnisse stellten sie dieses Frühjahr vor. Die Forscher fanden heraus, dass sich die europäischen Wildkatzen genetisch gut von den afrikanischen Wildtieren und den Hauskatzen unterscheiden lassen, die afrikanischen Wildkatzen jedoch den Hauskatzen sehr ähnlich sind. Die Unterschiede seien so gering, erklärten die Forscher aus Bologna, dass einzelne Tiere nicht immer klar einer Art zugeordnet werden könnten. "Hauskatzen und afrikanische Wildkatzen können sich wieder vermischt haben", räumt Randi ein. Das könne passieren, wenn frei laufende Hauskatzen in Nordägypten auf wilde Verwandte träfen, die am Rande der Siedlungen Mäusen nachstellten. Solange es aber möglich sei, europäische Wildkatzen von Hauskatzen zu unterscheiden, sei es Unsinn zu behaupten, es gebe keine echten Wildkatzen mehr. Dafür spricht auch, dass Wildkatzen die Nähe des Menschen meiden und auch in recht zersiedelten Gebieten noch deutlich unterscheidbar von Hauskatzen sind. Manchmal jedoch überraschen die heimlichen Tiere selbst erfahrene Wildbiologen. So hütete ein Waldgebiet in Thüringen für lange Zeit einen Schatz, der die Experten staunen ließ.

 

Neues und überraschendes
In den Wäldern des Hainich, eines Hügelrückens nördlich von Eisenach in Thüringen, lebt die Wildkatze. Am Südhang des Hainich übten verschiedene Armeen über die Jahrzehnte das Schießen mit allen Kalibern und den Häuserkampf. Seit die Nationale Volksarmee aufgelöst wurde, ist es still geworden auf dem Truppenübungsplatz. Über viele Jahre durfte die Öffentlichkeit das Gelände nicht betreten und kein Förster Hand an die Bäume legen. Diese ungewöhnliche Situation macht den Hainich zu etwas Besonderem. Viele Bäume, die den Zenit ihres Lebens schon hinter sich haben und auf den Zerfall warten, Höhlenbäume, unwegsames Dickicht und für die Schießübungen der Panzer offen gehaltene Wachholderheide bilden eine bunte Mischung aus kleinen Biotopen verschiedenster Ausprägung. Als in Thüringen ein Schutzprojekt für die Wildkatze aufgelegt wurde, war sofort klar, wo die Freilanduntersuchungen stattfinden sollten: im neu ausgewiesenen Nationalpark Hainich. Hier führte der BUND Thüringen ein Forschungsprojekt durch, um die Ursachen für den Rückzug der Wildkatze aus Thüringens Wäldern herauszufinden. Die BUND-Experten unter Leitung des Biologen Thomas Mölich konnten neun Tiere mit Halsbandsendern ausstatten und drei Jahre lang mit der Richtantenne verfolgen. Die Forscher entdeckten unter anderem, dass ihre Wildkatzen, vor neugierigen Blicken gut geschützt, am Boden im Dickicht oder in der Krautschicht den Tag verdösten. Bisher galt die Ansicht, Wildkatzen verbrächten den Tag in Baumhöhlen oder verlassenen Fuchs- oder Dachsbauen. Auch muss die Vorstellung, Wildkatzen könnten sich außerhalb der Paarungszeit nicht einmal riechen, teilweise umgeworfen werden. Die im Hainich beobachteten Kätzinnen nutzten nämlich kleine Teile ihrer Reviere gemeinsam. Einige Stellen waren so interessant, dass sich die Tiere dort öfters aufhielten und manches Mal sogar trafen. Die Wildkatzen achten stets darauf, sich beim Jagen auf den Wacholderheiden nicht zu weit aus der Deckung zu bewegen. Selbst nachts bleiben sie so nahe am schützenden Wald, dass sie mit einem kurzen Sprint im Gestrüpp zwischen den Bäumen verschwinden können. Dieses Verhalten hat sich über viele Generationen vererbt; denn nur die Vorsichtigen werden alt genug, um viele Nachkommen zu haben.

Brücken für die Katz
Neben diesen neuen Erkenntnissen zu den Lebensgewohnheiten der scheuen Jäger fanden die Forscher auch heraus, warum viele potentiell geeignete Lebensräume in der Kulturlandschaft unbesiedelt bleiben. Ursache hierfür sind neben Verkehrstrassen intensiv genutzte Agrarlandschaften. Die Untersuchungen zeigten, dass ausgeräumte Streifen von nur wenigen hundert Metern Breite die Katzen bereits daran hindern, in andere Reviere zu wechseln. Für ein langfristiges öberleben der Wildkatze wird es deshalb darauf ankommen, ihre Lebensräume zu vernetzen. Der BUND Thüringen baut derzeit an einer 'Brücke' für die Wildkatze. Sie soll einmal den Nationalpark Hainich mit dem Thüringer Wald verbinden und eine Ausbreitung der Wildkatze in neue Lebensräume ermöglichen. Die neuesten Forschungsergebnisse bestätigen, dass die Wildkatze ein Teil der Tierwelt des mitteleuropäischen Ökosystems ist. Sie sollte deshalb auch in unserer technisierten Welt Platz zum Leben haben. Ohne sie wäre unsere Welt um ein weiteres wertvolles Glied in der ökologischen Kette ärmer.

Die Autorin
Ariane Eppstein, 33, ist Biologin und Fachredakteurin. Seit ihrer Diplomarbeit über die Wiederansiedlung im Spessart lässt die Wildkatze sie nicht mehr los.

 

Willkommen in der Wildnis!
Wie Günther Worel seine Wildkatzen auf das Abenteuer Freiheit vorbereitet

Seit 1984 verfolgt der Bund Naturschutz das ehrgeizige Ziel, die Europäische Wildkatze in Bayern wieder heimisch zu machen. Über 400 Katzen hat Günther Worel seitdem in seiner Wiesenfeldener Zuchtstation auf das Leben in Freiheit vorbereitet.
Manchmal scheint er selbst scheu wie eine Wildkatze: Im Gespräch hält Günther Worel, 49, zuerst einmal Abstand, beobachtet, lauscht. Dann aber greift er blitzschnell einen Gedanken auf, der ihm gerade wichtig erscheint. Plötzlich reißt er förmlich das Wort an sich, um nur ja keinen falschen Eindruck von der Welt der Wildkatze aufkommen zu lassen - jenes Tieres, das im Mittelpunkt seines Lebens steht. "Katzen", sagt Günther Worel, "haben Fähigkeiten, in denen sie den Menschen weit überlegen sind."
Schon als Jugendlicher entdeckte er, über Naturfilme, die Wildkatze für sich und war von dem geheimnisvollen, wagemutigen und vorwitzigen Tier fasziniert. So führte er zunächst in eigener Regie Foto-, Film- und Verhaltensstudien durch, bis ihn 1982 Hubert Weinzierl für den Bund Naturschutz (BN) gewann. In Wiesenfelden im Vorderen Bayerischen Wald begann Worel eine Wildkatzenstation aufzubauen und übernahm die Leitung des BN-Projekts "Wiedereinbürgerung der Europäischen Wildkatze". Seither gingen über 400 Tiere in seine 'Schule der Wildnis', um auf die Wiederansiedlung in bayerischen Mittelgebirgen vorbereitet zu sein.

 

Wilde Flaschenkinder
Dabei muss den Wildkatzen niemand das Leben in Freiheit neu beibringen. "Selbst wenn sie vom Menschen mit der Flasche aufgezogen werden, sind sie im Erwachsenenalter keine Schmusetiere", erklärt Worel. "Sie bleiben unwirsch, unnahbar und lassen sich nicht zähmen." In dieser Eigenschaft der schlauen Waldkatze, das zu bleiben, was sie ist - ein Wildtier - liegt auch der Schlüssel für den Erfolg des BN-Projekts. Denn die Wiesenfeldener Nachkommen der meist von Zoos übernommenen Zuchttiere passen sich draußen schnell der neuen Umgebung an. Kaum in Freiheit sind sie wieder die "scheuen Ritter der Berge", wie sie Hermann Löns beschrieb, die Wildheit und Intelligenz perfekt in sich vereinen.
Allerdings bieten die großen Gehege der Wildkatzenstation mit ihren weitestgehend natürlichen Bedingungen auch ideale Voraussetzungen, die Tiere optimal auf das Abenteuer Freiheit vorzubereiten: "Versteckmöglichkeiten in Form von aufgetürmten Wurzelstöcken und Reisighaufen und als wichtigstes Requisit hohle Baumstümpfe für die Jungenaufzucht. Dazu viele Kletterbalken und Bäume, um eine große Vielfalt an Strukturen zu bieten", schildert Worel das von ihm geschaffene Katzenreich. "Gefüttert wird in der Station so naturnah wie möglich. Häufig geben wir lebende und frisch geschlachtete Beutetiere wie Kaninchen, Tauben, Ratten und Mäuse." Selbst die aus Tiergärten übernommenen Wildkatzen werden auf diese Weise wieder in die Lage versetzt, selbständig Beute zu schlagen. "Wildkatzen", so resümiert der Experte, "sind höchst sensible und stressanfällige Tiere. Sie sind anspruchsvoll hinsichtlich ihres Futters, und die Aufzucht der Jungtiere ist schwierig."

Faktor Mensch
Dennoch liegen für Günther Worel die eigentlichen Probleme der Wiedereinbürgerung weniger in der Natur der Tiere als in der des Menschen begründet. Für den heute international anerkannten Erfolg des Projekts hat es längst nicht genügt, sich nur um die Katzen zu kümmern. "Fast noch wichtiger ist die Vorbereitung der Auswilderung vor Ort." Es gelte, geeignete Lebensräume zu finden und auszugestalten, Forstleute zum Mitmachen zu gewinnen, Landwirte für die Natur zu begeistern und natürlich die betroffene Bevölkerung zu informieren. "Die Wildkatze soll in unsere Wälder zurückkehren, aber auch in die Herzen der Menschen", wünscht sich der Katzenkenner.
So wurde die Wildkatze nicht nur zu seiner Lebensaufgabe, sondern auch zu einem Bildungsauftrag, den der Naturschützer Worel ebenso ernst nimmt wie die Pflege seiner Tiere. "Das Projekt fordert geradezu heraus, über den Artenschutz in unserem Land neu nachzudenken: Ist die Wildkatze nicht genauso ein Teil der Natur wie der Mensch?" Deshalb lässt er Bedenken am Sinn der aufwändigen Maßnahme nicht zu. Von Anbeginn haben ihn die von vielen Stellen rückgemeldeten Beobachtungen der vom BN freigelassenen Tiere darin bestärkt, dass er mit seinem Anliegen, eine fast völlig ausgerottete Art wieder heimisch zu machen, auf der Erfolgsspur ist.
Was für ein Erlebnis dürfte es da für ihn gewesen sein, als er vor einigen Jahren bei einer Wanderung im Spessart das seltene Glück hatte, selbst Wildkatzen in freier Wildbahn zu begegnen. Es verschlug ihm fast den Atem - aber kein Zweifel: Die beiden unter wildem Gekreische durchs Gestrüpp und den Stamm einer Eiche hinauf jagenden Katzen konnten nur aus seiner eigenen Zucht stammen!
Christoph Markl

 


Ein Katzenhaus im Spessart

Interview mit Förster Gebhard, der schon fünfzig Wildkatzen eine Heimat gab

Der Bund Naturschutz (BN) macht den Spessart wieder zum Wildkatzenwald. Stammten die ersten in Rothenbuch ausgewilderten Tiere meist noch aus Wiesenfelden (siehe Beitrag "Willkommen in der Wildnis!"), betreut Katzen-Experte Hubert Gebhard, 56, heute drei eigene Zuchtstationen. Wir wollten wissen, wie Gebhard auf die Katze gekommen ist.

 

Warum engagieren Sie sich für die Wildkatze?
Die Wildkatze ist für mich die Krönung meines Artenschutzprogramms. Seit meinem Amtsantritt hier im Rothenbucher Revier haben wir ja bereits 40 Biotopteiche neu angelegt, an einigen ist heute sogar der Eisvogel zu Hause. Seit 20 Jahren läuft die Flusskrebszucht zur Wiederbesiedlung der Spessartbäche und seit zehn Jahren das Flussperlmuschelprogramm, das ich in Zusammenarbeit mit der BN-Ortsgruppe und der Aktionsgemeinschaft Hafenlohrtal betreibe.

Was ist das Besondere an Ihrem Projekt?
Von den angelieferten Wildkatzen, die zunächst im Spessart ausgesetzt wurden, hatten viele Probleme mit der für sie ungewohnten Umgebung. So reifte bei mir schon bald die Idee, die Katzen dort auf die Welt kommen zu lassen, wo sie später leben sollten. Sebastian Schönauer, stellvertretender BN-Vorsitzender und ebenfalls in Rothenbuch ansässig, nahm die Idee begeistert auf. Seit 1993 züchten wir nun mit drei Katzenpaaren, und im kommenden Jahr können wir bereits die fünfzigste im Spessart geborene Jungkatze in die freie Wildbahn entlassen.

Wie kann man sich so eine Aufzuchtstation vorstellen?
Die in naturnahen Laubwäldern verborgen gelegenen, 100 Quadratmeter großen Käfige sind mit einer Vielzahl von naturnahen Verstecken ausgestattet. Sind die Jungkatzen im Spätherbst groß genug, werden sie in einer Hälfte des Zuchtkäfigs separiert, geimpft und neuerdings zur Kennzeichnung mit einem Mikrochip versehen. Nach circa drei Wochen öffnen wir den Jungtierkäfig zum Wald hin, die Jungkatzen gehen auf ihre ersten Erkundungsgänge und können sich langsam an die Freiheit gewöhnen. Immer wieder kehren sie in den Aufzuchtkäfig zurück, da noch die Mutterbindung besteht und für die erste, harte Zeit der Selbständigkeit noch Futter bereit steht.

Das hört sich einfach an.
Ganz so leicht ist es nicht: Die Katzen sind äußerst sensible und anfällige Individualisten. Immer wieder versuchen Füchse oder Wildschweine, sich an das Futter in den Gehegen zu graben; die Katzen entweichen dann durch die entstandenen Löcher. Neue Paare müssen also gefunden werden, doch die Neuverpaarung von Katzen ist nicht einfach. Es ist wie bei Menschen, sie mögen sich, oder sie mögen sich nicht - und letzteres kann sogar tödlich enden.

Wie steht Ihr Arbeitgeber zum Wildkatzenprojekt?
Die Bayerische Staatsforstverwaltung hat bis 1998 die Kosten für den Käfigbau und das Futter übernommen. Seit 1999 trägt der BN die Kosten alleine, die Forstverwaltung stellt aber weiter den Grund für die Käfige zur Verfügung. Das Forstamt Rothenbuch betreibt seit 20 Jahren auf ganzer Fläche naturnahen Waldbau mit reduzierten Schalenwildbeständen. Dies ermöglicht flächige Naturverjüngung mit kleinen, besonnten Lichtungen. Ein speziell entwickeltes Totholzprogramm hat dazu geführt, dass reichlich Höhlenbäume, abgestorbene, dicke, hohle Stämme, Reisig und Asthaufen den Katzen einen natürlichen Lebensraum mit genügend Verstecken bieten.

Und was meinen die Leute hier zu Ihrer Arbeit?
Die Bevölkerung Rothenbuchs steht dem Projekt überwiegend sehr positiv gegenüber und verfolgt es vielfach mit Interesse und Stolz. So unterstützt uns der Rothenbucher Brieftaubenverein jährlich mit einigen hundert "übrigen" Tauben, was natürlich enorm an Futterkosten spart und den Katzen willkommene Nahrung bietet.

Kann man das Wildkatzenprojekt schon als Erfolg werten?
Ich bin überzeugt, dass sich die sehr beweglichen Wildkatzen vom Spessart in die Rhön, den Odenwald und das Frankenland ausbreiten. Das Auswilderungsprojekt selbst kann aber noch lange nicht als erfolgreich beurteilt werden. Dringend notwendig ist das Zusammentragen von Informationen und eine wissenschaftliche Untersuchung darüber, ob letztlich genügend Wildkatzen überleben und in freier Wildbahn neue Katzengenerationen zeugen und aufziehen werden. Dies war auch das Ergebnis des letztjährigen "Wildkatzensymposiums", zu dem Experten aus ganz Europa nach Rothenbuch angereist waren.
Das ganze Spessartprojekt ist natürlich nur möglich durch die engagierte Hilfe und Fachberatung durch Günther Worel und den Einsatz und die aktive Problemlösung durch BN-"Vize" Sebastian Schönauer, als Beauftragter des Landesvorstands für das Wildkatzenprojekt im Spessart.
Das Interview führte Manfred Gößwald.

 


Botschafterin der Wildnis

Noch vor zwei Jahrhunderten gehörte die Wildkatze in ganz Deutschland zu den selbstverständlichen Bewohnern unserer Wälder. 1916 wurde auch in Bayern das letzte Exemplar totgeschossen. Hubert Weinzierl über Beuteneid, bessere Einsichten und den Wert einer Wildkatze.

 

Hauptgrund für das Verschwinden der Wildkatze war der menschliche Beuteneid und der Verfolgungswahn gegenüber allen Beutegreifern. Ähnlich dem Luchs wurde die Wildkatze als vermeintlicher "Schädling der Wildbahn" und "Raubzeug" mit allen Mitteln verfolgt. Bis zum ersten Weltkrieg bezahlten die Behörden noch in vielen Ländern Mitteleuropas Fang- und Abschussprämien für Wildkatzen. Völlig falsche Vorstellungen über die Biologie der Wildkatze, tief verwurzelter Hass, falsch verstandene 'Hege' und gezielte Falschinformationen zeitgenössischer Jagdschriftsteller führten zur Ausrottung.
Die Jäger wirken mittlerweile beim Schutz und der Wiedereinbürgerung der seit 1934 unter strengem Schutz stehenden Wildkatze mit. Haupttodesursache heute sind Verluste durch den Straßenverkehr. Vor einer Generation, 1968, begannen wir mit einem Projekt "Wiedereinbürgerung der Wildkatze", das vom Deutschen Naturschutzring und der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt initiiert und später vom Bund Naturschutz in Bayern (BN) übernommen wurde. Im Auwaldgebiet ÈBuschlettenÇ bei Ingolstadt stand die erste Zuchtstation, mit deren Wildkatzen Auswilderungen im Umfeld des damals entstehenden Nationalparks Bayerischer Wald und in Böhmen durchgeführt wurden.
Die Philosophie der Wiedereinbürgerung bestand darin, eine Tierart zurückzuholen, deren Lebensraum noch vorhanden ist, die also nur durch menschliche Verfolgung ausgerottet war. Dieser "Grenzfall des Naturschutzes", das direkte Freisetzen von Wildtieren, ist nur bei wenigen Arten möglich, zum Beispiel auch beim Biber, dessen erste Auswilderungen in die gleiche Zeit fielen.
1984 startete der BN dann erneut eine Wiedereinbürgerungsaktion. Aus der Wildkatzenzuchtstation Wiesenfelden und einem Gehege im Spessart (siehe Seiten 9 und 10) stammen 423 Tiere, die zwischen 1984 und 2000 ausgewildert wurden - davon 250 Tiere im Spessart, 64 im Steigerwald und 109 im Vorderen Bayerischen Wald und Oberpfälzer Wald. Etwa ein Dutzend europäische Zoos haben sich großzügig an dieser Aktion beteiligt und uns ihre Nachzuchten zur Verfügung gestellt.
Im Zusammenhang mit der Wildkatzen-Wiedereinbürgerung ist mir oft die Frage nach dem Sinn dieses Projekts und nach dem Wert einer Wildkatze gestellt worden. Die Frage, was eine Wildkatze wert ist, kann niemand beantworten. Der Eigenwert der Schöpfung ist eben eine Frage der Moral und bedarf der Einsicht, dass jede Art ein Lebensrecht wie wir selbst und einen Wert an sich besitzt. Irgendwie scheint mittlerweile aber der Artenschutz als die Basis allen Lebens politikfähig zu werden. Plötzlich wird der Wert der Biodiversität zum Thema, nachdem man auch die wirtschaftliche Bedeutung der Artenfülle erkennt und die Einsicht wächst, dass auch wir Menschen auf Gedeih und Verderb in das Netzwerk des Lebens verwoben sind.
Wenn irgendwo die Chance besteht, den Lebensraum für einen Restbestand einer Tier- oder Pflanzenart zu erhalten, so hat dieser Biotopschutz selbstverständlich Vorrang vor jeder direkten Artenschutz- oder gar Wiedereinbürgerungsmaßnahme. Naturschutz auf der Gesamtfläche, in die ein stattliches Geflecht von Schutzgebieten eingebettet sein muss, lautet die Grundmaxime. Die Wiedereinbürgerung von ausgerotteten Tier- oder Pflanzenarten verstehen wir sozusagen als Ultima ratio, die auf sehr wenige Arten zutrifft, welche wie schon erwähnt durch direkte Verfolgung durch den Menschen ausgerottet wurden, deren Lebensraum aber noch vorhanden ist, so wie eben bei der Wildkatze.
Weil wir nun einmal keine zweite Arche Noah haben, sollten wir über einen Kulturentwurf nachdenken, in dem das "Leben zum Maß aller Dinge" erhoben und die Schöpfungsverantwortung zur politischen Selbstverständlichkeit wird. Deshalb plädiere ich auch für mehr Mut zur Wildnis. Lassen wir ein paar Wäldern und Fluren ihre Freiheit, haben wir den Mut zum Nichtstun und bringen wir die Kraft zu der Einsicht auf, dass uns die Natur überhaupt nicht braucht! So gesehen wird jede Wildkatze zur Botschafterin der Wildnis.
Und es wird plötzlich klarer, warum zum Wesen des Waldes auch eine Wildkatze gehört, selbst wenn wir sie nicht zu Gesicht bekommen. Dass die Biberspäne am Ufer dem Fluss ein Stück Geheimnis zurückgeben und der Flügelschlag eines Apollofalters den Heidehang heiligt.
Kürzlich hat mich jemand gefragt, ob ich denn eigentlich wisse, dass die Menschheit all das Vieh- und Pflanzenzeug überhaupt brauche und wolle? Meine Antwort ist eine zweifache: Wir erkennen einerseits heute immer mehr, wie wichtig die Arten auch für uns im Geflecht alles Lebendigen sind. Andererseits wei§ ich sicherlich nicht, wie die Menschen in hundert Jahren leben werden. Aber ich bin mir sehr sicher, dass sie gerne unter Eichen und Buchen wandern und eine Wildkatze sehen wollen. Deshalb stelle ich mich vor die Bäume und engagiere mich für Wildkatzen. Dabei kann ich nichts falsch machen. Die Wiedereinbürgerung der Wildkatze ist auch ein Stück Wiedergutmachung und jede heimgekehrte Wildkatze ein Zeichen der Hoffnung.

 

Gemeinsam für die wilde Katze!
Das Artenhilfsprogramm des Bundes Naturschutz

Waldmeere
Wildkatzen benötigen große unzerschnittene Wald-Lebensräume mit gemischten, reich strukturierten Beständen.

Vor 17 Jahren hat der Bund Naturschutz (BN) sein Ziel in Angriff genommen, die Wildkatze wieder bei uns heimisch zu machen. Nun wird dieses Wiedereinbürgerungs-Projekt zu einem landesweiten "Artenhilfsprogramm Wildkatze" weiterentwickelt und intensiv wissenschaftlich begleitet. Doch ein Erfolg braucht viele Väter.
Viele Fachleute und Institutionen in ganz Bayern wollen sich künftig gemeinsam für die Rückkehr der Wildkatze einsetzen. Wissenschaftliche Begleituntersuchungen an ausgesetzten Katzen und Untersuchungen an den bereits im Freiland lebenden Tieren sollen verstärkt werden. Dies waren zentrale Ergebnisse des Symposiums "Bilanz und Zukunft des Wildkatzenprojekts", das der BN voriges Jahr in Rothenbuch im Herzen des Spessarts veranstaltete.
Inzwischen sind die ersten Schritte des Artenhilfsprogramms getan. Nach intensiver Vorbereitung, insbesondere mit den engagierten Fachleuten des Bayerischen Landesamts für Umweltschutz (LfU), startete am Jahresanfang eine landesweite Wildkatzen-Umfrage. Noch weiß man nämlich zu wenig über mögliche Restvorkommen und neu gegründete Bestände. Allen Hinweisen auf Wildkatzen soll jetzt also gezielt nachgegangen werden.
An der seit Januar dieses Jahres laufenden Fragebogen-Aktion beteiligen sich Forstdienststellen, Untere Naturschutzbehörden, Jagdreviere und BN-Kreisgruppen, um möglichst alle Beobachtungen der scheuen und heimlichen Tiere zu sammeln. Dabei werden auch Umstände des Fundes abgefragt, etwa die Struktur des Waldbestandes oder die Entfernung zum nächsten Waldrand. Das LfU und der Lehrstuhl Wildbiologie der Uni Würzburg betreuen die Auswertung.
Ab nächstem Jahr schließen sich wildbiologische Untersuchungen im Freiland an: Kleine Funksender, mit denen freigelassene Katzen versehen werden, übermitteln Daten und geben so Aufschluss über das Verhalten der Katzen in "freier Wildbahn". Vorträge, Faltblätter und Wanderausstellungen komplettieren das Artenhilfsprogramm und ermöglichen jedem Interessierten Einblick in das Leben der scheuen und faszinierenden Waldkatze.
Die Wildkatze war bis vor etwa 250 Jahren noch in Deutschland verbreitet, auch in allen größeren bayerischen Wäldern. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts sichtete man nur noch einzelne durchwandernde Exemplare. 1916 wurde die letzte bayerische Wildkatze erlegt. Heute kommt die Art auf kaum fünf Prozent des Bundesgebiets in wenigen, weit voneinander entfernten Waldgebieten vor, etwa in Harz, Taunus, Eifel, Hunsrück, Pfälzer Wald und in nordthüringischen Wäldern wie dem Nationalpark Hainich.
Damit die Wildkatze wieder in Bayerns Wäldern leben kann, appelliert der Bund Naturschutz an alle, in deren Hand das Schicksal des scheuen Jägers liegt:

  • Waldbesitzer und Forstleute: Starten Sie eine Offensive für die naturnahe Forstwirtschaft mit unterschiedlichen Baumarten. Belassen Sie hohle Bäume im Bestand und fördern Sie vor allem alte, über 200-jährige Waldteile, die in Bayerns Wäldern so extrem selten sind - zum Nachteil auch einer Fülle weiterer gefährdeter Tier- und Pflanzenarten.
  • Jäger: Die Wildkatze braucht die volle Akzeptanz in Ihren Reihen. Tragen Sie die Rückkehr der Wildkatze als attraktives Symboltier unserer Wälder aktiv mit, und werfen Sie den vereinzelt noch anzutreffenden "Beute-Neid" und alle ebenso veralteten wie dummen 'Raubtiervorbehalte' endlich in den Papierkorb der Jagdgeschichte. Stellen Sie in Wildkatzengebieten die Fallenjagd ein und schießen Sie nicht auf wildfarbene Katzen. Hunde sollten im Wald grundsätzlich an der Leine geführt werden, um eine Störung der Wildtiere - auch der Wildkatzen - zu vermeiden.
  • Politiker: Heute sind Verluste durch den Straßenverkehr Todesursache Nummer eins für die bayerischen Wildkatzen. Überleben kann die Art nur in großen, nicht von Straßen zerschnittenen Waldgebieten. Leiten Sie - auch im Interesse der Wildkatze - die überfällige Wende in der Verkehrspolitik ein. Großflächige, möglichst unzerschnittene Waldgebiete und das verbuschte, naturnahe 'Grüne Band' von Biotopen entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze und der Landesgrenze zu Tschechien müssen auch als überregionale Wanderkorridore für die Wildkatze erhalten bleiben.

Ausgerechnet im Gebiet der nord- und ostbayerischen Wälder massieren sich aber derzeit Autobahnprojekte wie die A 71 Schweinfurt-Erfurt durch die Wälder des Rhönvorlandes und des Grabfeldes, die A 73 Lichtenfels-Erfurt quer durch den Lichtenfelser Forst, die Langen Berge und den Thüringer Wald oder die B 303 neu im Herzen des Fichtelgebirges! Der BN hat in all diesen Fällen landschaftsschonendere Konzepte vorgelegt.
Alle BN-Mitglieder und Naturfreunde: Teilen Sie uns eventuelle Wildkatzenbeobachtungen mit. In Bayerns Wäldern lebt die Hoffnung, dass die Wildkatze wieder heimisch wird - sie muss aber auch heimisch werden in unseren Köpfen und Herzen!
Dr. Kai Frobel, BN-Artenschutzreferent


Küss die Hand, schönes Tier!

"Zurück in die Köpfe und Herzen der Menschen" gehöre die Wildkatze, so fordert Heinz Sielmann. Ein neuer Bildband dürfte dabei gute Dienste leisten: Das von Herbert Grabe und Günther Worel herausgegebene Buch "Die Wildkatze. Zurück auf leisen Pfoten" mit Beiträgen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zeichnet ein vielseitiges Portrait der Wildkatze. Schon heute gilt es als Standardwerk über die lange vernachlässigte Tierart, für die hier in außergewöhnlich attraktiven Fotos um Sympathie geworben wird.
Buch und Kunstverlag Oberpfalz, Amberg 2001, 112 S., DM 48,-

aus: Natur + Umwelt 4-2001, Titelthema, Bund Naturschutz in Bayern

 

 

 



 

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