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Samtpfote kehrt zurück
Die Rückkehr der Wildkatze in Bayerns Wälder
Das verborgene Leben der Wildkatze
Abenteuer Freiheit
Ein Katzenhaus im Spessart
Botschafterin der Wildnis
BN-Artenhilfsprogramm
Samtpfote kehrt zurück -
Die Rückkehr der Wildkatze in Bayerns Wälder
Katzen sind unsere Lieblinge. Je verschmuster sie unsere Nähe suchen,
umso dankbarer verwöhnen wir sie mit Streicheln und Kraulen, Whiskas und
Sheba. Manchmal steigen Katzen in der Menschenwelt sogar zu Stars auf;
in "Cats and Dogs" lockten sie dieses Jahr - ganz computeranimiert - Millionen
in die Kinos. Die Stars unserer Titelgeschichte sind dagegen aus Fleisch
und Blut. Wildkatzen sind alles andere als Schmusetiere. Lautlos, die
Dämmerung liebend, immer auf der Jagd und auf der Hut, bekommt sie kaum
ein Mensch je zu Gesicht. Unnahbar und unbezähmbar sind sie, ein echtes
Stück Wildnis eben. Gerade deshalb sind Wildkatzen Lieblinge des Bundes
Naturschutz. Mit aufwändigen Projekten helfen Artenschützer den Samtpfoten,
ihre alte Heimat in Bayerns Wäldern zurückzuerobern. (göß)
Heimlich, still und leise
Das verborgene Leben der Wildkatze
Ein milder Sommerabend in einem deutschen Mittelgebirge, im hohen Gras
auf der kleinen Lichtung bewegt sich etwas: Die Ohren gespitzt und die Schnurrhaare
wie Radarantennen vorgestreckt, pirscht sehr vorsichtig eine Wildkatze heran.
Ihre scharfen Sinne sind auf die Maus vor ihr gerichtet, die noch völlig
ahnungslos im trockenen Gras nach Samen sucht. Unvermittelt erstarrt die
graue Erscheinung, ein hoher Bogensprung, ein kurzes Nachfassen, und mit
einigen schnellen Sprüngen ist sie im Gestrüpp verschwunden. Schon ist der
Moment wie ein Spuk vorbei. "So eine Gelegenheit bietet sich nur sehr selten",
erklärt Frank Raimer, Wildkatzenexperte im Nationalpark Harz. "Meist bemerkt
die Wildkatze den Menschen und versucht ihr Jagdglück woanders.’ Förster
Raimer weiß, wo die scheuen Tiere jagen, und hat sie schon oft beobachtet.
Für viele Jäger und Förster ist die erste Begegnung mit einer Wildkatze
etwas ganz besonderes, denn selbst in Revieren, in denen sie schon seit
einiger Zeit wieder vorkommt, lebt sie fast unbemerkt. Doch die Freude über
eine Wildkatze im Jagdrevier war nicht immer so groß.
Verfehmt, verfolgt und ausgerottet
Obwohl die kleine Jägerin hauptsächlich unter den Mäusen Beute macht und
alles, was größer als ein Kaninchen ist, nicht auf ihrem Speisezettel
steht, wurde sie lange erbarmungslos verfolgt und nahezu ausgerottet.
Nur in gut versteckten und für Menschen uninteressanten Gebieten, wie
in den Hochlagen von Mittelgebirgen und in engen, steilen Tälern, konnte
sie überdauern. Fossile Knochen zeigen, dass die Wildkatze schon vor 35.000
Jahren in Mitteleuropa lebte. Lange Zeit herrschte ein mehr oder minder
friedliches Nebeneinander von Mensch und Wildkatze. Im frühen Mittelalter
begannen dann die gro§en Waldrodungen für Ackerbau und Siedlungen. Die
Wildkatze wich den Menschen aus und zog sich immer weiter in unzugängliche
Waldgebiete zurück. Zu dieser Zeit genossen Berufsjäger, die das Vieh
von Bauern und Hirten vor Bär, Wolf und Luchs beschützten, hohes Ansehen.
Eines Tages hatten die Jäger diese großen Beutegreifer ausgerottet und
damit die Grundlage ihres Berufes verloren. Nun nahmen sie die kleinen
Raubsäuger aufs Korn. Abschussprämien für Dachs, Marder, Fuchs und Wildkatze
sowie wilde, übertriebene Geschichten davon, wie gefährlich diese Tiere
seien, schürten die Verfolgungen und dienten als Rechtfertigung für die
gnadenlose Jagd. So sollten Wildkatzen, die nicht viel größer werden als
unsere Hauskatzen, Rehe und Hirschkälber erlegt und auch Menschen angegriffen
haben. Keines dieser Gruselmärchen konnte jemals tatsächlich beobachtet
werden. Der entstandene enorme Jagddruck drängte die Wildkatze jedoch
an den Rand ihrer Ausrottung. 1933 wurde die Wildkatze ins Preußische
Jagdrecht aufgenommen; seitdem steht sie dauerhaft unter Schutz, und jedwede
Jagd ist verboten. Die Situation für die Mäusejägerin besserte sich aber
erst 1935, als das Jagen mit Tellereisen verboten wurde. Doch trotz des
umfassenden Schutzes wird auch heute noch, teils aus Unwissenheit, teils
aus tief verwurzeltem Hass auf die unzähmbare Kreatur, hier und da eine
Wildkatze geschossen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine waffenlose
Zeit der Entmilitarisierung, in der die Wildkatze in ihren Rückzugsgebieten
sicher vor Abschüssen war. In einigen dieser Areale, wie dem Harz oder
der Eifel, hatten kleine, sogar wachsende Populationen überdauert. Von
dort aus konnte die Wildkatze wieder Boden gut machen und sich aus den
versteckten, für Menschen unzugänglichen Rückzugsgebieten heraus langsam
wieder ausbreiten. Doch überall lebt bereits der Mensch, der mit seinen
Siedlungen, Äckern, Straßen und Bahntrassen die Landschaft umgestaltet
hat. Jetzt muss sich die Wildkatze Plätze suchen, die der Mensch noch
nicht völlig verändert hat.
Wo die wilde Katze wohnt
Lebten in Deutschland keine Menschen, wäre nahezu das ganze Land, von
den Ausläufern der Alpen bis an die Nord- und Ostseeküste, Wildkatzengebiet.
Am liebsten leben Wildkatzen in reich strukturierten Landschaften, in
denen sich aufgelockerter Wald mit kleinen Blößen und Auen mit mäandernden
Bachläufen abwechseln. Bäume mit Höhlen im Fuß oder in geringer Höhe bieten
ideale Verstecke, um die Jungen darin zu gebären und großzuziehen. In
dichtem Gestrüpp aus Brom- und Himbeeren können sie sich tagsüber zum
Schläfchen niederlegen, und grasbewachsene Lichtungen sind ein prima Ort
zum Mäuseln. Dann noch ein windgeschützter, trockener Flecken zum Sonnen,
und das Idyll wäre perfekt. Perfekt nicht nur für die Wildkatze, sondern
zugleich für viele andere anspruchsvolle Tierarten. Aus dieser Tatsache
entstand die Idee der Leitart im Artenschutz: Für eine Tier- oder Pflanzenart,
die sehr hohe Ansprüche an die Qualität ihres Lebensraumes stellt, entwickeln
Fachleute ein Schutzkonzept. Aus dessen Umsetzung können viele andere
Arten Nutzen ziehen. Eine solche Leitart ist die Wildkatze. Zusätzlich
zu ihrem hohen Anspruch an die Lebensraumqualität braucht die Wildkatze
große, unzerschnittene Flächen. Die Tiere leben als Einzelgänger in klar
abgegrenzten Revieren, in denen sie meist keinen Artgenossen dulden. Je
nachdem, wie nahe der tatsächliche Lebensraum dem gedachten Ideal kommt,
lebt eine weibliche Wildkatze - in der Fachsprache Kätzin genannt - in
einem zwischen 50 und 300 Hektar großen Revier. Die Wildkatzendamen bleiben
meist gern alleine und verteidigen ihr Revier gegen fremde Kätzinnen.
Die Wildkater, auch Kuder genannt, beanspruchen sogar noch größere Flächen
für sich: 500 bis 1000 Hektar sind nicht ungewöhnlich. In Italien ermittelten
Forscher sogar Reviere bis 4000 Hektar Größe. Die Wildkater sind so polygam
und unstetig, wie es den Hauskatern nachgesagt wird: Ihre Reviere überlappen
sich mit denen der Kätzinnen, und sie verweigern anderen Kudern den Zutritt
in ihr Reich. Damit sich Kuder und Kätzin zur Paarungszeit überhaupt finden,
ist schon viel Lauferei und Geschrei im Wald nötig.
Im Wald ist was los
Das ganze Jahr über lebt eine Wildkatze alleine und jagt - durch ihr Fell
gut getarnt - in der Dämmerung an Waldrändern und auf Lichtungen nach
Mäusen und anderen Nagern dieser Größe. Nur zur Paarungszeit, der Ranz,
im Februar oder März, trifft sie sich mit Artgenossen. Zu dieser Zeit
kann, wer Glück hat, die Wildkater mit deutlich heiserer und tiefer Stimme
laut schallend rufen hören. "Selbst ein Laie", so Frank Raimer, "hört,
dass da kein Hauskater schreit. Im Mai, manchmal Anfang Juni, werfen die
Wildkatzen drei bis vier Junge, die von der Mutter alleine aufgezogen
werden. Trockene und warme Baumhöhlen sind besonders als Wochenstuben
geeignet - nur sind diese im deutschen Wirtschaftswald rar geworden. Die
Jungenaufzucht ist für die Wildkatzenmutter sehr anstrengend: Nacht für
Nacht muss sie um die sechzehn Mäuse fangen, um den Hunger ihres Nachwuchses
zu stillen. Im Spätherbst trennen sich die Wege der Familie. Die jungen
Wildkatzen müssen ihren ersten Winter auf sich gestellt überstehen. Viele
Jungtiere überleben diese harte Zeit nicht. Sie verhungern oder werden
auf der Stra§e von Autos überfahren; denn während der Suche nach einem
eigenen Revier legen sie große Strecken zurück. Manchmal kommen sie dabei
auch einem Jäger vor die Flinte, der sie auf den ersten Blick für eine
streunende Hauskatze hält - mit tödlicher Folge für die Wildkatze.
Wildkatze oder Hauskatze?
Wer Wildkatzen schützen will, stößt dabei auf ein Problem, denn die verwaschen
graugestromten oder getigerten Wildkatzen sind etwa so groß wie Hauskatzen
und sehr schwer von ihren zahmen Verwandten zu unterscheiden. Wildkatzen
sind aber keine verwilderten Hauskatzen, sondern eine eigene Kleinkatzenart.
Das deutlichste äußerliche Merkmal der echten Wildkatze ist der buschige
Schwanz mit drei klar erkennbaren Ringen und einem stumpfen, schwarzen
Ende. Dieses Erkennungszeichen bekommen die scheuen Mäusefänger allerdings
erst, wenn sie erwachsen sind. Halbwüchsige, die im Herbst, auf der Suche
nach einem eigenen Revier, alleine auf Wanderschaft gehen, tragen noch
die kurze, eng anliegende Jugendkleid-Behaarung. Da ist es selbst für
erfahrene Wildkatzenbeobachter im Dämmerlicht schwierig, sie von einem
streunenden Stubentiger zu unterscheiden. Erschwerend kommt hinzu, dass
schon Wildkatzen - wenn auch nur einige wenige Tiere - mit gänzlich schwarzem
Pelz oder in getigert oder weiß gefunden wurden.
Echt laut Gentest
Die Wiederansiedlung von Wildkatzen ist in Fachkreisen unter Beschuss
geraten. Seit bewiesen ist, dass Wildkatzen mit Hauskatzen Nachwuchs bekommen
können, ist ein Streit entbrannt um die Frage: Sind die frei lebenden
Wildkatzen Europas reine Wildkatzen, oder haben sie sich über die Jahrhunderte
mit Hauskatzen gemischt? Ein Team aus Italien um Ettore Randi von der
Universität Bologna will die Streitfrage beantworten. Die Wissenschaftler
vergleichen das Erbgut der europäischen Wildkatze mit dem ihrer afrikanischen
Verwandten und dem italienischer Hauskatzen. Die ersten Ergebnisse stellten
sie dieses Frühjahr vor. Die Forscher fanden heraus, dass sich die europäischen
Wildkatzen genetisch gut von den afrikanischen Wildtieren und den Hauskatzen
unterscheiden lassen, die afrikanischen Wildkatzen jedoch den Hauskatzen
sehr ähnlich sind. Die Unterschiede seien so gering, erklärten die Forscher
aus Bologna, dass einzelne Tiere nicht immer klar einer Art zugeordnet
werden könnten. "Hauskatzen und afrikanische Wildkatzen können sich wieder
vermischt haben", räumt Randi ein. Das könne passieren, wenn frei laufende
Hauskatzen in Nordägypten auf wilde Verwandte träfen, die am Rande der
Siedlungen Mäusen nachstellten. Solange es aber möglich sei, europäische
Wildkatzen von Hauskatzen zu unterscheiden, sei es Unsinn zu behaupten,
es gebe keine echten Wildkatzen mehr. Dafür spricht auch, dass Wildkatzen
die Nähe des Menschen meiden und auch in recht zersiedelten Gebieten noch
deutlich unterscheidbar von Hauskatzen sind. Manchmal jedoch überraschen
die heimlichen Tiere selbst erfahrene Wildbiologen. So hütete ein Waldgebiet
in Thüringen für lange Zeit einen Schatz, der die Experten staunen ließ.
Neues und überraschendes
In den Wäldern des Hainich, eines Hügelrückens nördlich von Eisenach in
Thüringen, lebt die Wildkatze. Am Südhang des Hainich übten verschiedene
Armeen über die Jahrzehnte das Schießen mit allen Kalibern und den Häuserkampf.
Seit die Nationale Volksarmee aufgelöst wurde, ist es still geworden auf
dem Truppenübungsplatz. Über viele Jahre durfte die Öffentlichkeit das
Gelände nicht betreten und kein Förster Hand an die Bäume legen. Diese
ungewöhnliche Situation macht den Hainich zu etwas Besonderem. Viele Bäume,
die den Zenit ihres Lebens schon hinter sich haben und auf den Zerfall
warten, Höhlenbäume, unwegsames Dickicht und für die Schießübungen der
Panzer offen gehaltene Wachholderheide bilden eine bunte Mischung aus
kleinen Biotopen verschiedenster Ausprägung. Als in Thüringen ein Schutzprojekt
für die Wildkatze aufgelegt wurde, war sofort klar, wo die Freilanduntersuchungen
stattfinden sollten: im neu ausgewiesenen Nationalpark Hainich. Hier führte
der BUND Thüringen ein Forschungsprojekt durch, um die Ursachen für den
Rückzug der Wildkatze aus Thüringens Wäldern herauszufinden. Die BUND-Experten
unter Leitung des Biologen Thomas Mölich konnten neun Tiere mit Halsbandsendern
ausstatten und drei Jahre lang mit der Richtantenne verfolgen. Die Forscher
entdeckten unter anderem, dass ihre Wildkatzen, vor neugierigen Blicken
gut geschützt, am Boden im Dickicht oder in der Krautschicht den Tag verdösten.
Bisher galt die Ansicht, Wildkatzen verbrächten den Tag in Baumhöhlen
oder verlassenen Fuchs- oder Dachsbauen. Auch muss die Vorstellung, Wildkatzen
könnten sich außerhalb der Paarungszeit nicht einmal riechen, teilweise
umgeworfen werden. Die im Hainich beobachteten Kätzinnen nutzten nämlich
kleine Teile ihrer Reviere gemeinsam. Einige Stellen waren so interessant,
dass sich die Tiere dort öfters aufhielten und manches Mal sogar trafen.
Die Wildkatzen achten stets darauf, sich beim Jagen auf den Wacholderheiden
nicht zu weit aus der Deckung zu bewegen. Selbst nachts bleiben sie so
nahe am schützenden Wald, dass sie mit einem kurzen Sprint im Gestrüpp
zwischen den Bäumen verschwinden können. Dieses Verhalten hat sich über
viele Generationen vererbt; denn nur die Vorsichtigen werden alt genug,
um viele Nachkommen zu haben.
Brücken für die Katz
Neben diesen neuen Erkenntnissen zu den Lebensgewohnheiten der scheuen
Jäger fanden die Forscher auch heraus, warum viele potentiell geeignete
Lebensräume in der Kulturlandschaft unbesiedelt bleiben. Ursache hierfür
sind neben Verkehrstrassen intensiv genutzte Agrarlandschaften. Die Untersuchungen
zeigten, dass ausgeräumte Streifen von nur wenigen hundert Metern Breite
die Katzen bereits daran hindern, in andere Reviere zu wechseln. Für ein
langfristiges öberleben der Wildkatze wird es deshalb darauf ankommen,
ihre Lebensräume zu vernetzen. Der BUND Thüringen baut derzeit an einer
'Brücke' für die Wildkatze. Sie soll einmal den Nationalpark Hainich mit
dem Thüringer Wald verbinden und eine Ausbreitung der Wildkatze in neue
Lebensräume ermöglichen. Die neuesten Forschungsergebnisse bestätigen,
dass die Wildkatze ein Teil der Tierwelt des mitteleuropäischen Ökosystems
ist. Sie sollte deshalb auch in unserer technisierten Welt Platz zum Leben
haben. Ohne sie wäre unsere Welt um ein weiteres wertvolles Glied in der
ökologischen Kette ärmer.
Die Autorin
Ariane Eppstein, 33, ist Biologin und Fachredakteurin. Seit ihrer Diplomarbeit
über die Wiederansiedlung im Spessart lässt die Wildkatze sie nicht mehr
los.
Willkommen in der Wildnis!
Wie Günther Worel seine Wildkatzen auf das Abenteuer
Freiheit vorbereitet
Seit 1984 verfolgt der Bund Naturschutz das ehrgeizige Ziel, die Europäische
Wildkatze in Bayern wieder heimisch zu machen. Über 400 Katzen hat Günther
Worel seitdem in seiner Wiesenfeldener Zuchtstation auf das Leben in Freiheit
vorbereitet.
Manchmal scheint er selbst scheu wie eine Wildkatze: Im Gespräch hält
Günther Worel, 49, zuerst einmal Abstand, beobachtet, lauscht. Dann aber
greift er blitzschnell einen Gedanken auf, der ihm gerade wichtig erscheint.
Plötzlich reißt er förmlich das Wort an sich, um nur ja keinen falschen
Eindruck von der Welt der Wildkatze aufkommen zu lassen - jenes Tieres,
das im Mittelpunkt seines Lebens steht. "Katzen", sagt Günther Worel,
"haben Fähigkeiten, in denen sie den Menschen weit überlegen sind."
Schon als Jugendlicher entdeckte er, über Naturfilme, die Wildkatze für
sich und war von dem geheimnisvollen, wagemutigen und vorwitzigen Tier
fasziniert. So führte er zunächst in eigener Regie Foto-, Film- und Verhaltensstudien
durch, bis ihn 1982 Hubert Weinzierl für den Bund Naturschutz (BN) gewann.
In Wiesenfelden im Vorderen Bayerischen Wald begann Worel eine Wildkatzenstation
aufzubauen und übernahm die Leitung des BN-Projekts "Wiedereinbürgerung
der Europäischen Wildkatze". Seither gingen über 400 Tiere in seine 'Schule
der Wildnis', um auf die Wiederansiedlung in bayerischen Mittelgebirgen
vorbereitet zu sein.
Wilde Flaschenkinder
Dabei muss den Wildkatzen niemand das Leben in Freiheit neu beibringen.
"Selbst wenn sie vom Menschen mit der Flasche aufgezogen werden, sind
sie im Erwachsenenalter keine Schmusetiere", erklärt Worel. "Sie bleiben
unwirsch, unnahbar und lassen sich nicht zähmen." In dieser Eigenschaft
der schlauen Waldkatze, das zu bleiben, was sie ist - ein Wildtier - liegt
auch der Schlüssel für den Erfolg des BN-Projekts. Denn die Wiesenfeldener
Nachkommen der meist von Zoos übernommenen Zuchttiere passen sich draußen
schnell der neuen Umgebung an. Kaum in Freiheit sind sie wieder die "scheuen
Ritter der Berge", wie sie Hermann Löns beschrieb, die Wildheit und Intelligenz
perfekt in sich vereinen.
Allerdings bieten die großen Gehege der Wildkatzenstation mit ihren weitestgehend
natürlichen Bedingungen auch ideale Voraussetzungen, die Tiere optimal
auf das Abenteuer Freiheit vorzubereiten: "Versteckmöglichkeiten in Form
von aufgetürmten Wurzelstöcken und Reisighaufen und als wichtigstes Requisit
hohle Baumstümpfe für die Jungenaufzucht. Dazu viele Kletterbalken und
Bäume, um eine große Vielfalt an Strukturen zu bieten", schildert Worel
das von ihm geschaffene Katzenreich. "Gefüttert wird in der Station so
naturnah wie möglich. Häufig geben wir lebende und frisch geschlachtete
Beutetiere wie Kaninchen, Tauben, Ratten und Mäuse." Selbst die aus Tiergärten
übernommenen Wildkatzen werden auf diese Weise wieder in die Lage versetzt,
selbständig Beute zu schlagen. "Wildkatzen", so resümiert der Experte,
"sind höchst sensible und stressanfällige Tiere. Sie sind anspruchsvoll
hinsichtlich ihres Futters, und die Aufzucht der Jungtiere ist schwierig."
Faktor Mensch
Dennoch liegen für Günther Worel die eigentlichen Probleme der Wiedereinbürgerung
weniger in der Natur der Tiere als in der des Menschen begründet. Für
den heute international anerkannten Erfolg des Projekts hat es längst
nicht genügt, sich nur um die Katzen zu kümmern. "Fast noch wichtiger
ist die Vorbereitung der Auswilderung vor Ort." Es gelte, geeignete Lebensräume
zu finden und auszugestalten, Forstleute zum Mitmachen zu gewinnen, Landwirte
für die Natur zu begeistern und natürlich die betroffene Bevölkerung zu
informieren. "Die Wildkatze soll in unsere Wälder zurückkehren, aber auch
in die Herzen der Menschen", wünscht sich der Katzenkenner.
So wurde die Wildkatze nicht nur zu seiner Lebensaufgabe, sondern auch
zu einem Bildungsauftrag, den der Naturschützer Worel ebenso ernst nimmt
wie die Pflege seiner Tiere. "Das Projekt fordert geradezu heraus, über
den Artenschutz in unserem Land neu nachzudenken: Ist die Wildkatze nicht
genauso ein Teil der Natur wie der Mensch?" Deshalb lässt er Bedenken
am Sinn der aufwändigen Maßnahme nicht zu. Von Anbeginn haben ihn die
von vielen Stellen rückgemeldeten Beobachtungen der vom BN freigelassenen
Tiere darin bestärkt, dass er mit seinem Anliegen, eine fast völlig ausgerottete
Art wieder heimisch zu machen, auf der Erfolgsspur ist.
Was für ein Erlebnis dürfte es da für ihn gewesen sein, als er vor einigen
Jahren bei einer Wanderung im Spessart das seltene Glück hatte, selbst
Wildkatzen in freier Wildbahn zu begegnen. Es verschlug ihm fast den Atem
- aber kein Zweifel: Die beiden unter wildem Gekreische durchs Gestrüpp
und den Stamm einer Eiche hinauf jagenden Katzen konnten nur aus seiner
eigenen Zucht stammen!
Christoph Markl
Ein Katzenhaus im Spessart
Interview mit Förster Gebhard, der schon fünfzig Wildkatzen eine
Heimat gab
Der Bund Naturschutz (BN) macht den Spessart wieder zum Wildkatzenwald.
Stammten die ersten in Rothenbuch ausgewilderten Tiere meist noch aus
Wiesenfelden (siehe Beitrag "Willkommen in der Wildnis!"), betreut Katzen-Experte
Hubert Gebhard, 56, heute drei eigene Zuchtstationen. Wir wollten wissen,
wie Gebhard auf die Katze gekommen ist.
Warum engagieren Sie sich für die Wildkatze?
Die Wildkatze ist für mich die Krönung meines Artenschutzprogramms. Seit
meinem Amtsantritt hier im Rothenbucher Revier haben wir ja bereits 40
Biotopteiche neu angelegt, an einigen ist heute sogar der Eisvogel zu
Hause. Seit 20 Jahren läuft die Flusskrebszucht zur Wiederbesiedlung der
Spessartbäche und seit zehn Jahren das Flussperlmuschelprogramm, das ich
in Zusammenarbeit mit der BN-Ortsgruppe und der Aktionsgemeinschaft Hafenlohrtal
betreibe.
Was ist das Besondere an Ihrem Projekt?
Von den angelieferten Wildkatzen, die zunächst im Spessart ausgesetzt
wurden, hatten viele Probleme mit der für sie ungewohnten Umgebung. So
reifte bei mir schon bald die Idee, die Katzen dort auf die Welt kommen
zu lassen, wo sie später leben sollten. Sebastian Schönauer, stellvertretender
BN-Vorsitzender und ebenfalls in Rothenbuch ansässig, nahm die Idee begeistert
auf. Seit 1993 züchten wir nun mit drei Katzenpaaren, und im kommenden
Jahr können wir bereits die fünfzigste im Spessart geborene Jungkatze
in die freie Wildbahn entlassen.
Wie kann man sich so eine Aufzuchtstation vorstellen?
Die in naturnahen Laubwäldern verborgen gelegenen, 100 Quadratmeter großen
Käfige sind mit einer Vielzahl von naturnahen Verstecken ausgestattet.
Sind die Jungkatzen im Spätherbst groß genug, werden sie in einer Hälfte
des Zuchtkäfigs separiert, geimpft und neuerdings zur Kennzeichnung mit
einem Mikrochip versehen. Nach circa drei Wochen öffnen wir den Jungtierkäfig
zum Wald hin, die Jungkatzen gehen auf ihre ersten Erkundungsgänge und
können sich langsam an die Freiheit gewöhnen. Immer wieder kehren sie
in den Aufzuchtkäfig zurück, da noch die Mutterbindung besteht und für
die erste, harte Zeit der Selbständigkeit noch Futter bereit steht.
Das hört sich einfach an.
Ganz so leicht ist es nicht: Die Katzen sind äußerst sensible und anfällige
Individualisten. Immer wieder versuchen Füchse oder Wildschweine, sich
an das Futter in den Gehegen zu graben; die Katzen entweichen dann durch
die entstandenen Löcher. Neue Paare müssen also gefunden werden, doch
die Neuverpaarung von Katzen ist nicht einfach. Es ist wie bei Menschen,
sie mögen sich, oder sie mögen sich nicht - und letzteres kann sogar tödlich
enden.
Wie steht Ihr Arbeitgeber zum Wildkatzenprojekt?
Die Bayerische Staatsforstverwaltung hat bis 1998 die Kosten für den Käfigbau
und das Futter übernommen. Seit 1999 trägt der BN die Kosten alleine,
die Forstverwaltung stellt aber weiter den Grund für die Käfige zur Verfügung.
Das Forstamt Rothenbuch betreibt seit 20 Jahren auf ganzer Fläche naturnahen
Waldbau mit reduzierten Schalenwildbeständen. Dies ermöglicht flächige
Naturverjüngung mit kleinen, besonnten Lichtungen. Ein speziell entwickeltes
Totholzprogramm hat dazu geführt, dass reichlich Höhlenbäume, abgestorbene,
dicke, hohle Stämme, Reisig und Asthaufen den Katzen einen natürlichen
Lebensraum mit genügend Verstecken bieten.
Und was meinen die Leute hier zu Ihrer Arbeit?
Die Bevölkerung Rothenbuchs steht dem Projekt überwiegend sehr positiv
gegenüber und verfolgt es vielfach mit Interesse und Stolz. So unterstützt
uns der Rothenbucher Brieftaubenverein jährlich mit einigen hundert "übrigen"
Tauben, was natürlich enorm an Futterkosten spart und den Katzen willkommene
Nahrung bietet.
Kann man das Wildkatzenprojekt schon als Erfolg werten?
Ich bin überzeugt, dass sich die sehr beweglichen Wildkatzen vom Spessart
in die Rhön, den Odenwald und das Frankenland ausbreiten. Das Auswilderungsprojekt
selbst kann aber noch lange nicht als erfolgreich beurteilt werden. Dringend
notwendig ist das Zusammentragen von Informationen und eine wissenschaftliche
Untersuchung darüber, ob letztlich genügend Wildkatzen überleben und in
freier Wildbahn neue Katzengenerationen zeugen und aufziehen werden. Dies
war auch das Ergebnis des letztjährigen "Wildkatzensymposiums", zu dem
Experten aus ganz Europa nach Rothenbuch angereist waren.
Das ganze Spessartprojekt ist natürlich nur möglich durch die engagierte
Hilfe und Fachberatung durch Günther Worel und den Einsatz und die aktive
Problemlösung durch BN-"Vize" Sebastian Schönauer, als Beauftragter des
Landesvorstands für das Wildkatzenprojekt im Spessart.
Das Interview führte Manfred Gößwald.
Botschafterin der Wildnis
Noch vor zwei Jahrhunderten gehörte die Wildkatze in ganz Deutschland
zu den selbstverständlichen Bewohnern unserer Wälder. 1916 wurde auch
in Bayern das letzte Exemplar totgeschossen. Hubert Weinzierl über Beuteneid,
bessere Einsichten und den Wert einer Wildkatze.
Hauptgrund für das Verschwinden der Wildkatze war der menschliche Beuteneid
und der Verfolgungswahn gegenüber allen Beutegreifern. Ähnlich dem Luchs
wurde die Wildkatze als vermeintlicher "Schädling der Wildbahn" und "Raubzeug"
mit allen Mitteln verfolgt. Bis zum ersten Weltkrieg bezahlten die Behörden
noch in vielen Ländern Mitteleuropas Fang- und Abschussprämien für Wildkatzen.
Völlig falsche Vorstellungen über die Biologie der Wildkatze, tief verwurzelter
Hass, falsch verstandene 'Hege' und gezielte Falschinformationen zeitgenössischer
Jagdschriftsteller führten zur Ausrottung.
Die Jäger wirken mittlerweile beim Schutz und der Wiedereinbürgerung der
seit 1934 unter strengem Schutz stehenden Wildkatze mit. Haupttodesursache
heute sind Verluste durch den Straßenverkehr. Vor einer Generation, 1968,
begannen wir mit einem Projekt "Wiedereinbürgerung der Wildkatze", das
vom Deutschen Naturschutzring und der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt
initiiert und später vom Bund Naturschutz in Bayern (BN) übernommen wurde.
Im Auwaldgebiet ÈBuschlettenÇ bei Ingolstadt stand die erste Zuchtstation,
mit deren Wildkatzen Auswilderungen im Umfeld des damals entstehenden
Nationalparks Bayerischer Wald und in Böhmen durchgeführt wurden.
Die Philosophie der Wiedereinbürgerung bestand darin, eine Tierart zurückzuholen,
deren Lebensraum noch vorhanden ist, die also nur durch menschliche Verfolgung
ausgerottet war. Dieser "Grenzfall des Naturschutzes", das direkte Freisetzen
von Wildtieren, ist nur bei wenigen Arten möglich, zum Beispiel auch beim
Biber, dessen erste Auswilderungen in die gleiche Zeit fielen.
1984 startete der BN dann erneut eine Wiedereinbürgerungsaktion. Aus der
Wildkatzenzuchtstation Wiesenfelden und einem Gehege im Spessart (siehe
Seiten 9 und 10) stammen 423 Tiere, die zwischen 1984 und 2000 ausgewildert
wurden - davon 250 Tiere im Spessart, 64 im Steigerwald und 109 im Vorderen
Bayerischen Wald und Oberpfälzer Wald. Etwa ein Dutzend europäische Zoos
haben sich großzügig an dieser Aktion beteiligt und uns ihre Nachzuchten
zur Verfügung gestellt.
Im Zusammenhang mit der Wildkatzen-Wiedereinbürgerung ist mir oft die
Frage nach dem Sinn dieses Projekts und nach dem Wert einer Wildkatze
gestellt worden. Die Frage, was eine Wildkatze wert ist, kann niemand
beantworten. Der Eigenwert der Schöpfung ist eben eine Frage der Moral
und bedarf der Einsicht, dass jede Art ein Lebensrecht wie wir selbst
und einen Wert an sich besitzt. Irgendwie scheint mittlerweile aber der
Artenschutz als die Basis allen Lebens politikfähig zu werden. Plötzlich
wird der Wert der Biodiversität zum Thema, nachdem man auch die wirtschaftliche
Bedeutung der Artenfülle erkennt und die Einsicht wächst, dass auch wir
Menschen auf Gedeih und Verderb in das Netzwerk des Lebens verwoben sind.
Wenn irgendwo die Chance besteht, den Lebensraum für einen Restbestand
einer Tier- oder Pflanzenart zu erhalten, so hat dieser Biotopschutz selbstverständlich
Vorrang vor jeder direkten Artenschutz- oder gar Wiedereinbürgerungsmaßnahme.
Naturschutz auf der Gesamtfläche, in die ein stattliches Geflecht von
Schutzgebieten eingebettet sein muss, lautet die Grundmaxime. Die Wiedereinbürgerung
von ausgerotteten Tier- oder Pflanzenarten verstehen wir sozusagen als
Ultima ratio, die auf sehr wenige Arten zutrifft, welche wie schon erwähnt
durch direkte Verfolgung durch den Menschen ausgerottet wurden, deren
Lebensraum aber noch vorhanden ist, so wie eben bei der Wildkatze.
Weil wir nun einmal keine zweite Arche Noah haben, sollten wir über einen
Kulturentwurf nachdenken, in dem das "Leben zum Maß aller Dinge" erhoben
und die Schöpfungsverantwortung zur politischen Selbstverständlichkeit
wird. Deshalb plädiere ich auch für mehr Mut zur Wildnis. Lassen wir ein
paar Wäldern und Fluren ihre Freiheit, haben wir den Mut zum Nichtstun
und bringen wir die Kraft zu der Einsicht auf, dass uns die Natur überhaupt
nicht braucht! So gesehen wird jede Wildkatze zur Botschafterin der Wildnis.
Und es wird plötzlich klarer, warum zum Wesen des Waldes auch eine Wildkatze
gehört, selbst wenn wir sie nicht zu Gesicht bekommen. Dass die Biberspäne
am Ufer dem Fluss ein Stück Geheimnis zurückgeben und der Flügelschlag
eines Apollofalters den Heidehang heiligt.
Kürzlich hat mich jemand gefragt, ob ich denn eigentlich wisse, dass die
Menschheit all das Vieh- und Pflanzenzeug überhaupt brauche und wolle?
Meine Antwort ist eine zweifache: Wir erkennen einerseits heute immer
mehr, wie wichtig die Arten auch für uns im Geflecht alles Lebendigen
sind. Andererseits wei§ ich sicherlich nicht, wie die Menschen in hundert
Jahren leben werden. Aber ich bin mir sehr sicher, dass sie gerne unter
Eichen und Buchen wandern und eine Wildkatze sehen wollen. Deshalb stelle
ich mich vor die Bäume und engagiere mich für Wildkatzen. Dabei kann ich
nichts falsch machen. Die Wiedereinbürgerung der Wildkatze ist auch ein
Stück Wiedergutmachung und jede heimgekehrte Wildkatze ein Zeichen der
Hoffnung.
Gemeinsam für die wilde Katze!
Das Artenhilfsprogramm des Bundes Naturschutz
Waldmeere
Wildkatzen benötigen große unzerschnittene Wald-Lebensräume mit gemischten,
reich strukturierten Beständen.
Vor 17 Jahren hat der Bund Naturschutz (BN) sein Ziel in Angriff genommen,
die Wildkatze wieder bei uns heimisch zu machen. Nun wird dieses Wiedereinbürgerungs-Projekt
zu einem landesweiten "Artenhilfsprogramm Wildkatze" weiterentwickelt
und intensiv wissenschaftlich begleitet. Doch ein Erfolg braucht viele
Väter.
Viele Fachleute und Institutionen in ganz Bayern wollen sich künftig gemeinsam
für die Rückkehr der Wildkatze einsetzen. Wissenschaftliche Begleituntersuchungen
an ausgesetzten Katzen und Untersuchungen an den bereits im Freiland lebenden
Tieren sollen verstärkt werden. Dies waren zentrale Ergebnisse des Symposiums
"Bilanz und Zukunft des Wildkatzenprojekts", das der BN voriges Jahr in
Rothenbuch im Herzen des Spessarts veranstaltete.
Inzwischen sind die ersten Schritte des Artenhilfsprogramms getan. Nach
intensiver Vorbereitung, insbesondere mit den engagierten Fachleuten des
Bayerischen Landesamts für Umweltschutz (LfU), startete am Jahresanfang
eine landesweite Wildkatzen-Umfrage. Noch weiß man nämlich zu wenig über
mögliche Restvorkommen und neu gegründete Bestände. Allen Hinweisen auf
Wildkatzen soll jetzt also gezielt nachgegangen werden.
An der seit Januar dieses Jahres laufenden Fragebogen-Aktion beteiligen
sich Forstdienststellen, Untere Naturschutzbehörden, Jagdreviere und BN-Kreisgruppen,
um möglichst alle Beobachtungen der scheuen und heimlichen Tiere zu sammeln.
Dabei werden auch Umstände des Fundes abgefragt, etwa die Struktur des
Waldbestandes oder die Entfernung zum nächsten Waldrand. Das LfU und der
Lehrstuhl Wildbiologie der Uni Würzburg betreuen die Auswertung.
Ab nächstem Jahr schließen sich wildbiologische Untersuchungen im Freiland
an: Kleine Funksender, mit denen freigelassene Katzen versehen werden,
übermitteln Daten und geben so Aufschluss über das Verhalten der Katzen
in "freier Wildbahn". Vorträge, Faltblätter und Wanderausstellungen komplettieren
das Artenhilfsprogramm und ermöglichen jedem Interessierten Einblick in
das Leben der scheuen und faszinierenden Waldkatze.
Die Wildkatze war bis vor etwa 250 Jahren noch in Deutschland verbreitet,
auch in allen größeren bayerischen Wäldern. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts
sichtete man nur noch einzelne durchwandernde Exemplare. 1916 wurde die
letzte bayerische Wildkatze erlegt. Heute kommt die Art auf kaum fünf
Prozent des Bundesgebiets in wenigen, weit voneinander entfernten Waldgebieten
vor, etwa in Harz, Taunus, Eifel, Hunsrück, Pfälzer Wald und in nordthüringischen
Wäldern wie dem Nationalpark Hainich.
Damit die Wildkatze wieder in Bayerns Wäldern leben kann, appelliert der
Bund Naturschutz an alle, in deren Hand das Schicksal des scheuen Jägers
liegt:
- Waldbesitzer und Forstleute: Starten Sie eine Offensive für die naturnahe
Forstwirtschaft mit unterschiedlichen Baumarten. Belassen Sie hohle
Bäume im Bestand und fördern Sie vor allem alte, über 200-jährige Waldteile,
die in Bayerns Wäldern so extrem selten sind - zum Nachteil auch einer
Fülle weiterer gefährdeter Tier- und Pflanzenarten.
- Jäger: Die Wildkatze braucht die volle Akzeptanz in Ihren Reihen.
Tragen Sie die Rückkehr der Wildkatze als attraktives Symboltier unserer
Wälder aktiv mit, und werfen Sie den vereinzelt noch anzutreffenden
"Beute-Neid" und alle ebenso veralteten wie dummen 'Raubtiervorbehalte'
endlich in den Papierkorb der Jagdgeschichte. Stellen Sie in Wildkatzengebieten
die Fallenjagd ein und schießen Sie nicht auf wildfarbene Katzen. Hunde
sollten im Wald grundsätzlich an der Leine geführt werden, um eine Störung
der Wildtiere - auch der Wildkatzen - zu vermeiden.
- Politiker: Heute sind Verluste durch den Straßenverkehr Todesursache
Nummer eins für die bayerischen Wildkatzen. Überleben kann die Art nur
in großen, nicht von Straßen zerschnittenen Waldgebieten. Leiten Sie
- auch im Interesse der Wildkatze - die überfällige Wende in der Verkehrspolitik
ein. Großflächige, möglichst unzerschnittene Waldgebiete und das verbuschte,
naturnahe 'Grüne Band' von Biotopen entlang der ehemaligen innerdeutschen
Grenze und der Landesgrenze zu Tschechien müssen auch als überregionale
Wanderkorridore für die Wildkatze erhalten bleiben.
Ausgerechnet im Gebiet der nord- und ostbayerischen Wälder massieren sich
aber derzeit Autobahnprojekte wie die A 71 Schweinfurt-Erfurt durch die
Wälder des Rhönvorlandes und des Grabfeldes, die A 73 Lichtenfels-Erfurt
quer durch den Lichtenfelser Forst, die Langen Berge und den Thüringer Wald
oder die B 303 neu im Herzen des Fichtelgebirges! Der BN hat in all diesen
Fällen landschaftsschonendere Konzepte vorgelegt.
Alle BN-Mitglieder und Naturfreunde: Teilen Sie uns eventuelle Wildkatzenbeobachtungen
mit. In Bayerns Wäldern lebt die Hoffnung, dass die Wildkatze wieder heimisch
wird - sie muss aber auch heimisch werden in unseren Köpfen und Herzen!
Dr. Kai Frobel, BN-Artenschutzreferent
Küss die Hand, schönes Tier!
"Zurück in die Köpfe und Herzen der Menschen" gehöre die Wildkatze, so
fordert Heinz Sielmann. Ein neuer Bildband dürfte dabei gute Dienste leisten:
Das von Herbert Grabe und Günther Worel herausgegebene Buch "Die Wildkatze.
Zurück auf leisen Pfoten" mit Beiträgen aus Deutschland, Österreich und
der Schweiz zeichnet ein vielseitiges Portrait der Wildkatze. Schon heute
gilt es als Standardwerk über die lange vernachlässigte Tierart, für die
hier in außergewöhnlich attraktiven Fotos um Sympathie geworben wird.
Buch und Kunstverlag Oberpfalz, Amberg 2001, 112 S., DM 48,-
aus: Natur
+ Umwelt 4-2001,
Titelthema, Bund Naturschutz in Bayern
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