Die Torf-Au

Kulturlandschaft der besonderen Art

Seit 1974 ist die österreichische Naturschutzjugend (önj) Haslach wertvollen Lebenszeugnissen von Natur und Mensch in der Dreiländerregion Böhmerwald auf der Spur. Die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte hat viele dieser Spuren in unseren Landschaften unwiederbringlich verwischt und mit ihnen das Wissen um traditionelle Kulturtechniken, alte Bewirtschaftungsformen und einstige Artenvielfalt.
Doch noch gibt es Landschaften mit Geschichte: Die Torf-Au, in der Gemeinde Ulrichsberg, bietet dem ökologischen und kulturhistorischen Spurensucher ein reiches Betätigungsfeld. Diese Landschaft verlangt geradezu danach, mit allen Sinnen entdeckt und erlebt zu werden. Hier ist Naturerfahrung mit allen Sinnen möglich; Ruhe und Natur hat die Torf-Au im Überfluß: Wer aus der lauten und hektischen Welt kommt, ein paar Stunden, einen Tag und eine Nacht hier verbringt, den verzaubert sie und lehrt ihn das Gefühl für eine intakte Umwelt neu. Und auf Schritt und Tritt erschließt sich dem aufmerksamen Besucher eine längst vergangene bäuerliche Welt: Bauernmühle, Wässerwiese, Torfstich,...

 

Flora und Vegetation

In der Torf-Au ist sie also noch aufzufinden - die ganze Vielfalt der einst mühlviertel-typischen Kristallinflora. In Abhängigkeit von unterschiedlichem Feuchtegrad, Nährstoffangebot und Nutzungsregime hat sich - oft kleinräumig verzahnt - ein Mosaik aus Auwiesen, Bürstlingsrasen, Niedermooren, Braunseggensümpfen, Feldgehölzen, Bruchwäldern und Auresten erhalten.

 

Vogelwelt

Der Schutz der Torf-Au ist nicht nur aus der Sicht des Botanikers richtig und notwendig, sondern auch aus der des Ornithologen. Denn die Existenz vieler bedrohter Vogelarten, ist vom gesicherten Fortbestand bestimmter Lebensräume abhängig, an die sie angepaßt sind. Das Braunkehlchen etwa ist kennzeichnend für eine vielfältige Landschaft, wie sie die traditionelle Landwirtschaft im Mühlviertel geschaffen hat. Durch Wiesenumbruch, Entwässerung, sowie großflächigen Getreide- und Maisanbau wurden und werden die Lebensräume für diesen typischen Wiesenvogel immer enger.
Bisher konnten in der Torf-Au 65 Vogelarten nachgewiesen werden. Von den 103 derzeit in Österreich gefährdeten Brutvogelarten (als gefährdet gelten ca. 50% aller Brutvogelarten Österreichs) dient die Torf-Au 11 Arten als Brutraum, Jagdrevier oder Raststation während des Frühlings- bzw. Herbstzuges. Das bedeutet, daß jede zehnte bedrohte Vogelart dieses Feuchtgebiet als "ökologischen Stützpunkt" nutzt und zum Überleben benötigt.

 

Die Schmetterlingsfauna

Lebensraumvielfalt und Strukturreichtum der Torf-Au sind auch für die beeindruckend hohe Anzahl von Schmetterlingsarten verantwortlich. In zahlreichen, vor allem nächtlichen Begehungen konnte önj-Schmetterlingsexperte Anton Scheuchenpflug insgesamt rund 400 Großschmetterlingsarten (Macrolepidoptera) nachweisen. Der überwiegende Teil davon ist als sehr selten zu bezeichnen; 18 Arten sind laut "Roter Liste" in ihrem Bestand akut gefährdet.

 

Flussperlmuscheln - die "Perlen der Torf-Au"

Die Flussperlmuschel zählt zu den am stärksten gefährdeten Tierarten Österreichs und stellt höchste Ansprüche an ihren Lebensraum und an die Qualität des Wassers. Mit bis zu 130 Jahren kann sie ein außerordentliches Lebensalter erreichen. Ihre Fortpflanzung ist kompliziert und faszinierend: Die Weibchen stoßen im August und September Millionen von Larven (Glochidien) aus. Die im Wasser allgegenwärtigen Larven setzen sich in den Kiemen der heimischen Bachforelle fest; ohne Bachforellen gibt es also keine Vermehrung der Muschel. Die enge Bindung an die Bachforelle ist schon ein deutlicher Hinweis auf den Lebensraum; Flussperlmuscheln bevorzugen kalte, sauerstoffreiche Bäche.
Ein kleiner Flussperlmuschelbestand in der Großen Mühl entlang der Torf-Au hat die Fischer der önj-Haslach dazu bewogen die dortige Fischereistrecke zu pachten und in einem neu entwickelten Verfahren bodenständige Bachforellen zu züchten. Im Frühjahr werden die Bachforellen in Fluss freigesetzt.

 

Die Wässerwiese

In der Landschaft des Oberen Mühlviertels haben bewässerte Wiesen eine jahrhundertelange Tradition. Vor wenigen Jahrzehnten in unserer Region noch praktiziert, ist die Wiesenbewässerung heute jedoch schon fast vergessen. Sie war in Zeiten der Eigenversorgung und ohne Kunst-dünger ein wichtiger Faktor zur Ertragssteigerung. In einem recht arbeitsintensiven Verfahren wurde dabei im Frühjahr und Herbst jeweils 3-4 Wochen lang das Wasser der Waldbäche mit möglichst viel Schlammfracht und organischer Substanz mittels Grabensystem flächig über die Wiesen geleitet. Zum einen verhalf man damit der Vegetation im Vorfrühling zu einem Startvorteil zum anderen erzielte man mit dem auf der Wiese zurückbleibenden feinen Schlamm - "Muacht" genannt - gerade soviel an natürlicher Mineralstoffdüngung, um den Nährstoffentzug durch die Mahd langfristig auszugleichen. Im linksufrigen Teil der Torf-Au wird eine etwa 2,5 ha große Wiese noch jeden Frühling und Herbst mit Wasser des Klafferbaches überschwemmt; - wohl die letzte intakte Wässerwiese des Mühlviertels.

 

DIE BERDETSCHLÄGER BAUERNMÜHLE - EIN STÜCK KULTURGESCHICHTE

Die Berdetschläger Bauernmühle wurde um 1870 am Rande dieser großartigen Landschaft erbaut. 12 Bauern des Dorfes bildeten dafür eine Errichtungsgenossenschaft. Als Antriebsquelle diente das Wasser der Großen Mühl, das in einem ca. 500 m langen Mühlbach von einer Wehr bis zum Wasserrad geführt wurde.
Nach dem zweiten Weltkrieg war das Mühlrad so schadhaft geworden, daß es 1949/50 durch eine Turbine ersetzt werden mußte. Von 1945 bis 1950 benutzten russische Besatzungssoldaten die Mühle als Schlachthaus bzw. die Müllerstube als Sauna. Bis gegen Ende der Fünfzigerjahre wurde noch der ganze Mehlbedarf des Dorfes in der Mühle hergestellt (Brotmehl: zum Brotbacken; Kernmehl: für Mehlknödel, als Zuspeise für "Geselchtes"; Saumehl: zum Füttern der Schweine); bis zur Stillegung 1973 schließlich nur noch Futterschrot.
Gemahlen wurde hauptsächlich spät im Jahr, etwa von Oktober bis zum Beginn der Frostperiode, nachdem das Getreide getrocknet und die Feldarbeit beendet war. Ebenso bei günstiger Witterung ab der Schneeschmelze im Frühjahr. Nach dem Winter war es dringend notwendig die drei genannten Mehlsorten zur Verfügung zu haben. Der jährlich wechselnde Dorfhauptmann durfte die Mahlsaison im Frühling eröffnen.

Der undichte Mühlbach, die reperaturbedürftige Mühleneinrichtung, sowie die fällige Gebäudesanierung hatten 1973 zum endgültigen Ende des Mahlbetriebes geführt. Die 12 Eigentümer überließen die Mühle ihrem Schicksal und nahmen alles, was brauchbar war, mit nach Hause. Ende der 70er Jahre war die Mühle bereits zur Ruine verkommen, Teile des Daches fehlten. Im Inneren der Mühle war durch eindringendes Regenwasser der Verputz von den Wänden gefallen, die Holzdecken waren durchmorscht. Der Einsturz des Restdachstuhls schien unmittelbar bevorzustehen. Bis 1988 gab es keinerlei Initiativen zur Rettung der Mühle. Vielmehr wurde schon vom Einplanieren der Mühle gesprochen. Damit wäre eine der letzten Bauernmühlen aus der Mühlviertler Landschaft verschwunden und mit ihr der wertvolle Erfahrungsschatz unserer Vorfahren.

 

NATUR UND KULTUR IN EINER HAND

Das kunstvoll ins Mühlenmauerwerk eingebaute Nest des Zaunkönigs lenkte den Blick der Naturschützer auch auf die Mühle. Landschaft und Mühle bilden eine Einheit, die es zu erhalten gilt. 1988 pachtet die önj-Haslach die Mühle "auf unbestimmte Zeit" und rettet das Gebäude vor dem endgültigen Verfall. Verpächter ist die Landwirtegemeinschaft Berdetschlag, in deren Eigentum sich die Mühle befindet. Zweck der Pachtung: die bauliche Sanierung und Reaktivierung der Mühle.

Die Berdetschläger Bauernmühle verbindet - nunmehr renoviert - Geschichte und Zukunft: ein historisches Kleinod wird zum "Basislager" für das Naturerleben von Schülern, Jugendlichen und Erwachsenen. Eine moderne Fotovoltaikanlage liefert den Solarstrom für die Beleuchtung in der Mühle.

Die Zukunft dieser sensiblen Feuchtlandschaft ist durch ein ökologisch orientiertes Entwicklungskonzept gesichert. Wesentlich dabei sind der weitere schrittweise Flächenankauf durch die önj-Haslach, Pflegemaßnahmen in Partnerschaft mit den Vorbesitzern und die Ausweisung als Naturschutzgebiet.

Die erlebnisstarke, traditionell geprägte Kulturlandschaft der Torf-Au wird in Zukunft viel zur Harmonie zwischen Mensch und Natur beitragen.

© önj Haslach - Natur ohne Grenzen  im Jänner 2001


 

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