Elche
    Skandinavien beginnt im Böhmerwald
 

 

 

 

Steckbrief:

wissenschaflicher Name:
  
  Alces Alces

Familie/Ordnung/Klasse:
    Hirsche/Paarhufer/Säugetiere

Körpermaße:
    Kopf-Rumpflänge: 2,40 - 3,10 m; Schulterhöhe: 1,40 - 2,35 m; Gewicht: 200 - 825 kg (in Europe kleiner - in Alaska größer)

Kennzeichen:
   
langer Kopf mit riesiger Oberlippe und einem Schaufel- oder Stangengeweih (nur bei Männchen), Glocke (Hautfalte am Hals mit Bart) und lange Beine;
    seine spreizbaren Füße erlauben dem Elch auch den Gang über Sümpfe, Moore, Schnee sowie das Schwimmen

(Haupt)Verbreitung:
    Skandinavien, Polen, Baltische Staaten, Russland, Nordwesten der USA, Kanada, Alaska

Lebensraum:
    lichte, störungsarme Wälder mit Wasserflächen Lebensweise: vorwiegend Einzelgänger, kurzzeitig auch in größeren Gruppen; wandert gerne - auch über große Strecken; Elche sind sowohl tagsüber als auch nachts aktiv; Sie verhalten sich außerhalb der Brunftzeit allerdings sehr unauffällig, so daß man sie nur schwer zu Gesicht  bekommt

Nahrung:
    Blätter, Zweige, Triebe und Rinde von Weichhölzern, Wasser-pflanzen, Gräser, Kräuter, Moose, Flechten, Pilze etc. im Böhmerwald vor allem Salix caprea und Frangula alnus

Fortpflanzung:
    Brunftzeit September/Oktober, nach 224 - 243 Tagen Tragzeit werden 1 - 2, selten 3 Junge geboren; das Neugeborene kann schon nach wenigen Tagen der Mutter folgen, die es im Notfall auch energisch verteidigt

Feinde:
    Mensch, für schwache Tiere auch Wolf und Bär

Alter:
    durchschnittlich 8 - 10 Jahre, selten bis zu 20 Jahre

Schutz
    der Elch ist in OÖ ein jagdbares Tier, aber ganzjährig geschont

 

Überrascht und erstaunt zeigt sich jeder, wenn Elche mit dem Böhmerwald in Verbindung gebracht werden. Das Symboltier Nordeuropas im Herzen des Kontinents?

Neuland oder Wiederbesiedelung

Der Elch (Alces Alces, Linnaeus 1758) ist der größte Vertreter der Familie der Hirsche. Er lebt in den großen Wald- und Moorgebieten sowie den Tundren der nördlichen Erdteile. In Skandinavien, Russland, Sibirien, Kanada und Alaska gibt es heute noch relativ gute Elchbestände.

In der Vergangenheit waren Elche in weiten Teilen Europas heimisch. Im Mittelalter jedoch verdrängte sie der Mensch aus den westlichen und zentralen Teilen Europas durch die Rodung von Wäldern, die darauffolgende Besiedelung und die Jagd. 1570 wurde der letzte Elch in Böhmen geschossen. Die gesamte Verbreitung in Europa ging in der folgenden Zeit konstant zurück.

Erst nach dem 2. Weltkrieg erholte sich die Zahl der Elche in Nord- und Osteuropa wieder. Einzeltiere und kleine Gruppen begannen sich langsam in Richtung Süden und Südwesten auszubreiten.

So kehrten nach 400 Jahren Abwesenheit Elche in den späten 50er Jahren wieder nach Mitteleuropa zurück. Der Weg der Elche führt von Polen ausgehend über den Biosphärenpark Trebon (Wittingau) in den Böhmerwald. Sie bildeten den Grundstock für die heute einzige Elchpopulation in Mitteleuropa. Am Beginn der 70er Jahre werden hier erste Jungtiere beobachtet.

Im wesentlichen lassen sich hier zwei permanente Verbreitungsgebiete eingrenzen. Zum einen lebt eine sehr kleine Gruppe von Elchen (10 - 15 Tiere) im östlichen Böhmerwald in der Nähe des Moldaustausees und eine etwas größere Population (15 - 20 Tiere) lebt im Gebiet von Trebon, nördlich der waldviertler Stadt Gmünd.

Wissenschaftliche Untersuchungen in der Tschechischen Republik zeigen, dass in den vergangenen 30 Jahren wandernde Elche in fast jedem Teil des Landes beobachtet wurden. Ständige Vorkommen gibt es jedoch nur in den beiden genannten südböhmischen Gebieten.

Elche im Mühlviertel

Da Elche gerne wandern, streifen sie immer wieder auch über österreichisches Staatsgebiet und bleiben mitunter auch etwas länger auf "Urlaub" in Österreich. So ein Aufenthalt im nördlichen Österreich könnte dem einen oder anderen schnell auch einmal zum Verhängnis werden. Nämlich dann, wenn er sich wieder zu lange im gräflichen Wald aufhält und dort seine Spuren hinterlässt. Im Sommer 1999 gab es dann auch den ersten Antrag auf Abschuss eines Elches, dieser wurde von der Behörde jedoch - Gott sei Dank - abgelehnt. Da die Lebensbedingungen für Elche aber im angrenzenden Tschechien durchwegs besser sind als in Österreich, ist nicht zu erwarten, dass sich die Elchpopulation weiter nach Österreich ausbreiten wird.

Im nördlichen Mühlviertel (an der Grenze zu Tschechien) gibt es regelmäßig Elchbeobachtungen, wobei immer wieder auch Muttertiere mit Kälbern gesichtet werden. Vor 10 Jahren waren es nur Spur und Losung, die wir (önj Haslach) als Visitenkarte von den großen Hirschen sammeln konnten. Schließlich kam es zur Begegnung der besonderen Art:

"In den Abendstunden des 21. Juni 1999 konnten wir ein Schauspiel mit allen wildbiologischen Reizen beobachten. Die äsende Elchkuh - entlang der Weidebüsche und Faulbäume - gibt bis zur Aufnahme von Schachtelhalm und anderen Gräsern Einblick in ihre vegetarische Speisekarte. Wachsamkeit und Ruhephasen wechseln einander ab. Eine überraschend lange Pause von zwei Stunden legen die Elchzwillinge ein, ehe sie sich für kurze Zeit am Gesäuge der Mutter laben."

Im Sommer 2000 gelang es sogar einem Film-Team der Reihe "Universum" einen Böhmerwald-Elch vor die Kamera zu bekommen. Verendete Elche wurden in der Nähe von Haslach im Dezember 1992 und im März 2000 gefunden.

Lebensraum

Die Elche stellen Ansprüche an ihren Lebensraum, die in Mitteleuropa nicht mehr leicht zu finden sind. Solche Voraussetzungen für ein Elch-Habitat sind:
7 Äsungs-Gebiete mit Laub- und Weichholzarten, die groß genug sind, damit die Vegetation die Chance zur Regeneration hat und nicht nachhaltig geschädigt wird;
7 größere Gebiete mit absolut störungsfreien Rückzugsgebieten, die vor allem für die Jungenaufzucht notwendig sind;
7 Wasser als wichtiger Faktor im Sommer - da Elche an kühles Klima angepasst sind, brauchen sie während der Sommerhitze Seen, Teiche und Flüsse zum Abkühlen und Äsen.

Die menschlich gestaltete Kulturlandschaft Mitteleuropas ist daher nicht gerade optimal als Lebensraum für den Elch. Vor allem störungsarme, artenreiche, reich strukturierte, lichte Waldgebiete mit Freiflächen und Wasserflächen fehlen hier. Die Elche finden aber gerade im vom Menschen weitgehend unbewohnten naturnahen Grenzstreifen im heutigen Nationalpark und Landschaftsschutzgebiet Sumava/Böhmerwald (an der tschechisch/österreichischen Grenze) noch akzeptable Lebensbedingungen und ihre Anzahl blieb hier über die letzten 10 Jahre annähernd gleich.

Ein Problem in unseren Breiten stellen sicher die vorkommenden Schäl- und Verbissschäden durch den Elch dar. Elche äsen zwar vor allem forstwirtschaftlich weniger interessante Weichholzarten und Sträucher, es kann aber auch zu massiveren Schälschäden an anderen Bäumen kommen; vor allem dann, wenn es mit dem übrigen Nahrungsangebot eng wird. Für dieses Problem sind Lösungsansätze gefragt. Ein objektives Entschädigungsverfahren wäre eine Möglichkeit. Es ist aber auch ein Mindestmaß an Toleranz des Menschen gefragt gegenüber einer autochtonen Tierart, die aus freien Stücken wieder zurückkehrt.

Südböhmen ist eine Insel in der Elch-Verbreitung und liegt 200 km entfernt von einer stabilen Population in Süd-Polen. Auch in diesem nächstgelegenen Verbreitungsgebiet ist die Populationsdichte nicht sehr hoch. Wenn ein Nachwandern von "neuen" Elchen aus Polen nachlässt oder abreißt, laufen die südböhmischen Tiere Gefahr, die hohe Mortalität (Verkehrsunfälle, Jungensterblichkeit, ...) nicht ausgleichen zu können. Außerdem steigt die Gefahr des Verlusts an genetischer Vielfalt.

Die beiden südböhmischen Elchpopulationen sind als nicht gesichert anzusehen und sehr gefährdet durch mögliche negative Einflüsse des Menschen auf die Tiere selbst oder ihren Lebensraum (Jagd, Tourismus, Land- und Forstwirtschaft). Ein nachhaltiger Schutz der Elche und ihres Lebensraumes ist für das Überleben der Art in Mitteleuropa unumgänglich.

Die Anwesenheit von Elchen im Böhmerwald ist eine Auszeichnung für die Natur-Qualität unserer Region. Wir von der önj Haslach freuen uns, dass sie zurückgekehrt sind. Die weitere Entwicklung dieser Elchpopulation wird von uns auch in Zukunft beobachtet.

© Thomas Engleder - Karl Zimmerhackl - Österreichische Naturschutzjugend Haslach - Herbst 2000


Link-Tipp: www.alces-alces.com

  



 


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