Böhmerwald

 

 


Der Naturraum
Der Name Böhmerwald (tschechisch: Šumava) bezeichnet jenen ca. 120 Kilometer langen Mittelgebirgszug, der sich in nordwestlich-südöstlichem Verlauf entlang der bayerisch-böhmischen Staatsgrenze bis ins Obere Mühlviertel erstreckt. Als Teil eines alten, schon vor mehr als 300 Mio. Jahren entstandenen Gebirgssystems entspricht der heutige Böhmerwald den Resten eines ehemaligen Hochgebirges, das durch jahrmillionenlange Verwitterungs- und Erosionsprozesse bis auf seine Rumpfschollen abgetragenen wurde. Demzufolge ist die Landschaft nunmehr von rundgeschliffenen, sanftwelligen Elementen geprägt, aus denen keine geomorphologisch wirklich markanten Gipfel hervortreten, obwohl die höchsten Erhebungen eine Höhe von 1450 Metern (Gr. Arber) erreichen und der Böhmerwald einen Abschnitt der europäischen Hauptwasserscheide (Nordsee - Schwarzes Meer) bildet. Im österreichsichen Teil verliert der Hauptkamm an Breite und löst sich über mehrere Stufen im mühlviertler Hügelland auf.

Das regionale Klima
Großklimatisch liegt der Böhmerwald im Übergangsbereich der atlantisch-westeuropäischen zur kontinental-osteuropäischen Provinz und zeigt daher ein Mischklima, das Elemente beider Grundtypen vereinigt. Die Temperaturwerte ergeben ein recht einheitliches, schon deutlich kontinental geprägtes Bild; auf ca. 750 Meter Seehöhe etwa beträgt die Jahresdurchschnittstemperatur zwischen 6 und 7 Grad Celsius, die Differenz zwischen Monatsmittel im Jänner (-3 bis - 4°C) und Juli (15 bis 16°C) beträchtliche 19 Grad. Das Niederschlagsgeschehen hingegen verläuft innerhalb der Region stark unterschiedlich, wobei sich zwei Gradienten überlagern. Entlang der mehr als 100 Kilometer umfassenden West-Ost-Erstreckung des Böhmerwaldes wird der vorherrschend atlantische Niederschlagstyp (hohe Absolutwerte mit nur geringfügigen jahreszeitlichen Schwankungen) zunehmend von kontinentalkl-matischen Einflüssen (geringere Niederschlagsmengen mit deutlichem Sommermaximum) abgelöst. Bedeutend verstärkt wird dieser Effekt durch die Stauwirkung des Hauptkammes, er ist Wasser- und Klimascheide zugleich. Sowohl Atlantikströmungen als auch Fronten aus dem Mittelmeerbereich regnen großteils am Südwestabfall des Gebirgsrückens ab und lassen die jenseits des Kammes bzw. weiter östlich gelegenen Bereiche oftmals ohne Niederschlag.


Geologie und Böden

Das Mühlviertel bildet einen Teil der südlichen Abgrenzung der Böhmischen Masse, einer tektonischen Großeinheit, deren Grundstrukturen, das sogenannte "Alte Dach", aus bereits ca. 550 Millionen Jahre alten Para-und Orthogneisen aufgebaut sind. Ihre nachhaltigste Umgestaltung erfährt die Region im Zuge der variszischen Gebirgsbidlungsphase (vor etwa 360 bis 290 Mio. Jahren), während der sie zum Hochgebirge aufgefaltet wird: Der alte Gesteinsbestand verwandelt sich dabei durch Metamorphose bis auf wenige Reste in Perlgneise. Parallel dazu dringen große Magmamengen (sie stammen aus der fast völligen Aufschmelzung des Alten Daches) bis unmittelbar an die Oberfläche. Die ersten, noch während der Gebirgsfaltung erstarrten Magmaserien zeichnet ein sehr hoher Feldspatgehalt und die typische Grobkörnigkeit aus (z.B. Weinsberger Granit). Wo diese vom Gebirgsbildungsgeschehen noch erfaßt und durchbewegt werden, erscheinen sie heute als Grobkorngneise. Später aufdringende, besonders saure Serien bleiben weitgehend unverformt und er-starren zu Feinkorngraniten (Mauthausner Granit; Schlägler Granit, Eisgarner Granit; Sulzberggranit u.a.m.). Großtektonisch konsolidiert unterliegt der Untersuchungsraum im Erdmittelalter nur mehr kleineren bruchtektonischen Veränderungen (z.B. Bildung der Pfahlstörung) und nach einer letzten, von der Alpenauffaltung (ca. 100 bis 70 Mio. vor heute) hervorgerufenen Hebung beginnt die Abtragungsphase und somit die Herausbildung des heutigen Landschaftsreliefs. Im Tertiär (60 bis 2 Mio. vor heute) kommt es unter tropischen Klimabedingungen zu besonders starken Verwitterungserscheinungen: Obwohl von Gesteinsschutt der Verwitterungshorizonte oft meterdick überlagert, sind einzelne große Gesteinsblöcke randlich und über Klüfte der chemischen Verwitterung ausgesetzt, sodaß unterirdisch jene für die Böhmische Masse typischen Wollsackformen entstehen. Zwischen den Eiszeiten (in denen die Böhmerwaldkammlagen über etwa 900 Meter Seehöhe mit kleinräumigen Firneiskappen bedeckt sind) werden diese Schuttdecken unter dem Einfluß von Bodenfließen, Schmelzwasser und Frostsprengung an exponierten Stellen weit-gehend abgetragen; ein Teil der freigelegten Wollsacktürme verliert ihre Stabilität, rutscht talwärts und bildet heute die regionaltypischen Blockmeere bzw. Blockhalden. Den beschriebenen klimatischen und geologischen Ausgangbedingungen entsprechend, dominieren im Untersuchungsgebiet bis etwa 1000 Meter Seehöhe basenarme bis (stark) saure, flach- bis mittelgründige Braunerdeböden. In Lagen über 1000 Metern Seehöhe und 1000 Millimeter Jahresniederschlag sind sehr nährstoffarme, versauerte Bleicherdeböden (Podsole) anzutreffen. Die hier anfallende Nadelstreu wirkt zusätzlich versauernd. An standortsbedingt azonalen Bodentypen sind in grundwasserbeeinflußten Tallagen bzw. Vernässungszonen Gley- und Pseudogleyböden zu nennen; weiters lokale Aubodenbildungen sowie Torfböden aus den zahlreichen Übergangs- und Hochmooren.


Wie Kulturlandschaft entsteht
Die natürliche, von Menschenhand nicht beeinflußte Vegetation unserer Heimat bestand nahezu flächendeckend aus Wäldern: Laubmischwälder bis etwa 1100 Meter Seehöhe, Tannen-Fichten-Wälder in den Hochlagen; unberührt, mächtig und eher monoton. Hauptsächlich der ungünstigen klimatischen Verhältnisse wegen blieb dieser Urzustand vergleichsweise lange, bis hinein ins Hochmittelalter, weitgehend erhalten. Noch auf einer Schenkungsurkunde aus dem 11. Jahrhun-dert findet sich die Bezeichnung eremus Nortwald, menschenleerer Wald im Norden, für die Re-gion Böhmerwald, und es dauerte weitere 150 Jahre, bis mit den Klostergründungen (Schlägl 1218, Hohenfurth 1259) eine großflächige Urbarmachung in Gang kam. Nun erst entstand in generationenlangem Wechselwirkungsprozeß von natürlichen Faktoren und bäuerlichem Wirtschaften in geschlossenen Kreisläufen aus der Naturlandschaft im strengen Sinn jenes strukturreiche Mosaik aus Wäldern, Feldgehölzen und Hecken, Wiesen, Feldern Feuchtgebieten, Wasserflächen und Siedlungen, das wir als Kulturlandschaft bezeichnen. Und bemerkenswerterweise zeichnete diese Kulturlandschaft bis von wenigen Jahrzehnten eine im Vergleich zum unberührten Naturzustand weitaus größere Arten- und Biotopvielfalt aus; etwa um die Mitte des vorigen Jahrhunderts - so hat man berechnet - existierten in Mittelauropa die meisten Tier- und Pflanzenarten. Doch seit damals unterlag die Landwirtschaft und mit ihr die Landschaft bekanntlich tiefgreifenden Veränderungen: Mit dem Aufkommen künstlicher Düngerformen und außerbetrieblicher Futtermittel wurde das Prinzip der bäuerlichen Kreislaufwirtschaft an entscheidender Stelle unterbrochen. Die zunehmen-de Technisierung und der damit verbundene Arbeitskräfteabfluß erforderderten rationelleres, großflächigeres Arbeiten. Produzierte man früher hauptsächlich für den Eigenbedarf bzw. die nähere Umgebung, so zwingen die Mechanismen moderner Marktwirtschaft heute zu hoher Betriebsspezialisierung, normgerechten Produkten und einheitlichen Rassen in Tierzucht und Pflanzenbau. Freilich hat sich der Wandel in der Region Böhmerwald vergleichsweise weniger drastisch vollzogen; wir sind noch nicht bei "holländischen Verhältnissen" angelangt, aber die Tendenz ist vergleichbar und die Entwicklung noch nicht abgeschlossen.

Von der Notwendigkeit, die bäuerliche Kulturlandschaft zu schützen
Entsprach die bäuerliche Tätigkeit von damals nahezu optimal den Zielvorgaben von Biotopschutz und ökologisch verträglicher Landbewirtschaftung (wenn auch weitgehend unbewußt oder aufgrund fehlender Alternativen), so sind Landwirtschaft und Naturschutz heute vielfach zu Konkurrenten geworden. Zu oft, denn Erhalt und Sicherung einer gleichermaßen ökologisch funktionsfähigen wie ökonomisch bewirtschaftbaren Kulturlandschaft ist nicht im Konflikt zweier "Lager" zu erreichen; - es geht um einen nachhaltigen Ausgleich der Interessen, denn ohne intakte Natur gibt es keine intakte Gesellschaft. Wir müssen unser Handeln verstärkt auf die natürlichen Gegebenheiten und Belastbarkeitsgrenzen abstimmen. Natürlich können die großen übergreifenden und globalen Probleme nicht in der Region gelöst werden. Wir können jedoch die Probleme vor Ort konkret angehen und Kreisläufe entwickeln, die zur größeren Unabhängigkeit und Umweltschonung führen. Daher versteht die önj Haslach den Ankauf iher Öko-Inseln, ökologisch besonders wertvoller und bedrohter Flächen, als Form der Zusammenarbeit mit den Landwirten. In Dialog werden Nutzungs- und Pflegekonzepte nach ökologisch motivierten Vorgaben erarbeitet; ihre Durchführung erfolgt meist durch die Vorbesitzer selbst; erhöhter Arbeitsaufwand und Ertragsentgang werden durch Ausgleichszahlungen abgegolten.

Ökosysteme am Beispiel des Nationalparks Bayrischer Wald


"Die ideale Landschaft ist weit und harmonisch, still, farbig, groß und schön.
Sie ist primär ein ästhetisches Phänomen, dem Auge näher als dem Verstand, dem Herzen, der Seele, dem Gemüt und seinen Stimmungen verwandter als dem Geist und dem Intellekt, dem weiblichen Prinzip näher als dem männlichen.
Die wahre Landschaft ist etwas Gewachsenes, Organisches und Lebendiges.
Sie ist uns eher vertraut als fremd und dennoch eher fern als nah, eher Sehnsucht als Gegenwart, denn sie hebt uns über den Alltag hinaus und grenzt an Poesie.
Aber sosehr sie uns auch ins Unbegrenzte, ja ins Unendliche weist, so bietet die mütterliche Landschaft dem Menschen doch auch immer Heimat, Wärme, Geborgenheit:
Sie ist Hort der Vergangenheit, der Geschichte, der Kultur und der Tradition, des Friedens und der Freiheit, des Glücks und der Liebe, der Ruhe auf dem Lande, der Einsamkeit und Erholung von der Hast des Alltags und dem Lärm der Städte;
sie muß erwandert und erlebt werden, versagt aber ihr Geheimnis dem Touristen und dem Intellekt."

G.Hard


Text: önj Haslach; Fotos: M. Milfort


Sie haben diese Seite über eine Suchmaschine gefunden oder sie wird nicht richtig angezeigt - hier geht es zu unserer Hauptseite!